In diesen Tagen fühle ich mich beim Lesen unserer Tageszeitungen und Magazine des öfteren um 30 Jahre zurückversetzt in die Zeit der Wende.

Ich las sie im runden Bett meiner Suite 6101 im Palasthotel (hier das Buch dazu, es lohnt sich noch immer, was heißt noch immer: jetzt erst recht!),

und sie hießen Berliner Zeitung, Neues Deutschland, sowie kleinere Provinzblätter. Und ich konnte mit Vergnügen beobachten, wie sich die Redakteure allmählich auf die neuen Zeiten, die neuen Machtverhältnisse einnordeten, die selbstverständlich mit ganz neuen Erkenntnissen gekoppelt waren und stets verbunden mit vorsichtiger Selbsterkenntnis.

Das klang dann durchaus so wie im aktuellen Spiegel, der in der letzten Nummer mit Merkel und dem schlampigen Merkelismus abrechnet: „Seit ungefähr einem Jahr…“ Ungefähr zwei Dutzend redakteure schrieben mit an der Geschichte, so kann also von einer Kollektiv-Beichte die Rede sein.

Vor 30 Jahren schrieb eine Redakteurin der „Berliner Zeitung“ das hier: „Schon vor einem Jahr lastete auf uns die Empfindung, dass es in der DDR Herrscher und Beherrschte gab.“

Wir halten fest: Ein Jahr scheint die Anstandsfrist zu sein, die sich Wendehälse in unserer Branche gönnen.

Aber: Erst seit einem Jahr ruiniert der Merkelismus unsere Republik?

Nicht bereits seit der Griechen- und Eurorettung auf unsere Kosten?

Nicht schon seit dem überhasteten Ausstieg aus der Kernenergie wg. Fukushima (und der Umfragen vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg, die die Grünen dennoch für sich entscheiden konnten)?

Nicht schon seit der Grenzniederlegung und dem euphorisch gefeierten deutschen Hippiestaat, der alle Ankömmlinge, besonders aber aggressiv-muslimische junge Männer, mit den Wohltaten des deutschen Sozialstaates umarmte (…auf andere legten sie erstmal keinen Wert, es sei denn, sie waren weiblich und jung).

Das „Narrativ“ für diesen Rechtsbruch damals („Wir können unsere lange Grenze ohnehin nicht schützen“) wird im Moment durch die Schutzmaßnahmen wg der Pandemie triumphal widerlegt.

Seit einem Jahr, hm?

Die Aufhellungsarbeit bei unseren Matadoren der demokratischen Grundwerte (wie Meinungsfreiheit und Demonstrationfreiheit), die Gegner der Regierungspolitik gerne als Covidioten oder rechtsradikal beschimpften, wird womöglich noch länger dauern als bei den störrischen Verteidigern des DDR-System damals.

Dieses staatssozialistische System übrigens hatte schon damals durchaus Sympathisanten – natürlich bei den Grünen. Tremolierend sprach die grüne Pastorin Vollmer im Bundestag davon, „dass die Stimmung in der DDR so ist, dass die Kinder ihre Eltern fragen: Warum verschenkt ihr dieses Land so einfach.“ (Um es in den folgenden 20 Jahren mit einem Solidaritätszuschlag von hunderten Milliarden zu sanieren)

Ja, und heute kann ich enthüllen, dass in den Wohn-Silos von Marzahn bis zu den Villen in Weißensee die Kleinen in ihren Bettchen mit großen Augen fragten: „Mama, warum verschenkst du dieses Land so einfach?“ Mit der prompten Antwort: „Halt die Klappe du vorlaute Göre, ich verschenke, was ICH will…“. Und niemals ging es ohne Tränen ab.

Sie werden sich windungsreich durch einen Haufen Kitsch und Lügen wühlen müssen in unserer neuen Wendezeit, unsere Leitartikler der letzten verhetzten fünf bis zehn antifaschistischen Jahre, während derer sie zugesehen haben, wie unsere Nation Ausverkauf betrieb und auf die große Verarmung zusteuerte, hinter dem Schlachtruf Merkels: „Wir dürfen nicht nur an uns denken.“

Denn allmählich hat sich auch bei den hartnäckigsten Bannerträgern des Merkelismus herumgesprochen, dass sie mit ihren haarsträubenden Fehlern und ihrem autoritären…sagen wir es freundlich: Gouvernanten- allerdings angemessener: Gouverneurs-Stil den letzten Respekt einzubüßen beginnt in der Bevölkerung, und dass ihre Tage ohnehin gezählt sind.

Nicht anderes kann man Anne Wills entgeisterten „Skandal“-Ruf verstehen, oder das in ihrer Sendung geforderte „Sofort zurücktreten“ des Spiegel-Schildknappen (und einstigen Freundes) Markus Feldenkirchen. Oder RTL-Nikolaus Blome: „Die kann weg!“

Nun ist auch Jan Fleischhauer absolut für „Merkel muss weg“ zu haben, nachdem er mich, wegen der Teilnahme und Rede auf einer Demonstration unter diesem Motto einen „Fall für die Klapsmühle“ genannt hatte. Kann es sein, lieber Freund und Kupferstecher, dass ich einfach hellsichtiger und mutiger war als Du?

Fleischhauer ist wahrscheinlich das beste Beispiel für den Wendehals unserer Tage, einer, der mir noch auf meiner Geburtstagsfeier eine rühmende Rede hielt, die gutgelaunt die eigenen Formulierungen genoss, um mich drei Tage später, nach Kritik an dieser Feier, auf Spiegel online in die Klappsmühle zu wünschen und nach 30-jähriger Freundschaft auf Distanz sprang.

Vielleicht war er in all seiner Klugheit schon immer dieser Feigling?

Aber das ist Roman-Stoff und gehört nicht in eine Kolumne, weil es dafür einfach zu schade ist…