An einem Triumph Winfried Kretschmanns von den Grünen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg zweifelte im Vorweg kaum ein Beobachter – der 72-jährige ist die ideale Verkörperung eines Landesvaters.

Seit zehn Jahren, seit der Wahl nach dem Unglückfall von Fukushima, regiert der ruhige alte Herr unangefochten im „Ländle“, eine erste Amtszeit mit der SPD, die zweite mit der CDU, nun hat er, dank des vermutlich starken Abschneidens der FDP, die Option einer Ampelkoalition.

Das alles bedeutet zweierlei. Erstens: Winfried Kretschmann ist ein Siegertyp. Zweitens: er ist flexibel und pragmatisch.

Drittens, muss man hinzufügen, ist er Realist bis in die Knochen, was ihn dann doch von den linksgrünen Träumern der Bundespartei unterscheidet.

Beispiel: CO2-freies Fahren. Mit einigem Recht weist der Chef im Land der Autobauer daraufhin, dass Elektrofahrzeuge erst dann Sinn in der Umwelt-Bilanz machen, wenn ihre Akkus von erneuerbaren Energiequellen gespeist werden. Und bis dahin ist es ein weiter Weg.

Dabei war Kretschmann selber mal ein linker Weltumstürzler, ein Alles-Neu-Macher und Spinner im Geiste eines marxistischen Great Reset. Da er in den 70er Jahren Mitglied  des Kommunistischen Bundes (KB) war – wie übrigens das halbe Schröder Kabinett dreißig Jahre später – war ihm der Staatsdienst mit einer Anstellung als Lehrer verwehrt.

So wollte es der damals von den SPD-Granden Willy Brandt und Helmut Schmidt verfügte „Radikalen-Erlasses“.

Ja, diese SPD gab es mal.

Offenbar hat Kretschmann gelernt, sich von den großen Menschheitsbeglückungsplänen zu verabschieden. In seinen Worten: „Ich habe die erschreckende Macht der Verblendung erkannt“. Er war intelligent und moralisch sensibel genug, das grauenhafte totalitäre Unterfutter derselben zu erkennen.

So ist er, als praktizierender Katholik, skeptisch gegenüber allen irdischen Erlösungsphantasien auch der missionarischen Grünen gegenüber, und er wolle gar nicht abstreiten, „dass der Idealismus in unserer Gründungsphase zivilreligiös aufgeladen war – und manche Parteitage schon Anklänge an eine Messe hatten.“

Er sagt solche für eingefleischte Grüne Ketzer-Sätze wie: „Das Asylrecht ist nicht dazu geeignet, Menschen, die aus Armut nach Deutschland kommen, hierzubehalten.“ Und diesen, den er auch unseren Greta-Ikonographen auf den Kirchenkanzeln unter die Nase reiben könnte: „Erst wenn man von der totalitären Erlösungsfantasie ablässt, die Welt retten zu wollen, wird man reif zur Politik. Erlösung ist etwas für den Erlöser – und davon gibt es für Christen nur einen, und der sitzt im Himmel.“

 

Ich hatte vor der letzten Landtagswahl die Gelegenheit, mit ihm durch sein Ländle zu fahren und dabei das „Phänomen Kretschmann“ kennenzulernen. Und zwar ausgerechnet am Tag vor dem Bataclan-Massaker, das dann alles aus dem Blatt (WamS) fegte, was nichts mit dem Bataclan zu tun hatte.

Es war auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise und hatte etwas von Gogols wunderbarer Komödie: Alle sechs bis acht Wochen kommt der Revisor, und die Bürgermeister der Dörfer und Kleinstädte zeigen sich von der besten Seite.

Doch der Revisor Kretschmann kommt nicht inkognito, um eine Verwechselung wie in Gogols Komödie zu vermeiden, sondern mit einer imponierenden Flotte von Dienstlimousinen und Mitarbeitern und Landespolitikern.

Damals allerdings galt ohnehin höchste Alarmbereitschaft, die Nerven lagen blank, denn da stand dieser dicke Elefant herum, in jedem Rathaus, jedem Gemeindesaal dort im Neckar-Odenwald-Kreis, und er hieß „Flüchtlingsproblem“ oder „Welle“ oder „Lawine“. Die Zeiten waren so.

Rund vierzig Ortsvorsteher waren erschienen, als Kretschmann Platz nimmt in der „Alten Mälzerei“ in Mosbach, hochaufgeschossen mit weißem Bürstenschnitt, schlank, leicht gebückt von den Dienstjahren, er könnte einer dieser altmodischen, unbestechlichen Pauker an der Pensionsgrenze sein, und er lässt die Grußworte, die mal umständlicher, mal kürzer sind, unbewegt über sich ergehen.

„Wir hätten Sie gern früher hier gehabt“, sagt ein Landrat Brötel, unter anderem aktives Mitglied der Stadtkapelle Buchen und 2.Vorsitzender des Trägervereins Badische Landesbühne und Bezirksrat der AOK, er sagt das zum ersten Mal an diesem Tag, und Kretschmann antwortet zum ersten Mal, „des hat nix mit meiner Wertschätzung zu tun, die Routen machet meine Mitarbeiter“, verstehendes Lächeln in der Runde.

Also dann Baurecht und die sogenannte „Plausibilitätsprüfung der Bauflächenbedarfsnachweise“ und „Landesgemeindefinanzierungsgesetz“ und Gähnen. Festtagsgesichter, Festtagsanzüge, und der unsichtbare Elefant gähnt ein bisschen mit und dann spricht man doch über ihn. Kleiner Flüchtlingsgipfel. Gegenüber auf der Wiese unter den bunten Herbstwald auf der Anhöhe sollen Zelte aufgebaut werden für rund 300 Flüchtlinge, die Mosbach zugeteilt wurden.

Natürlich sei das eine Mühsal, die Ehrenamtlichen seien nicht endlos belastbar, und Kretschmann sagt zum ersten Mal „mir könnet da nix mache, des isch halt so, die kommet halt“. Eine Kita-Mitarbeiterin ereifert sich, der Betreuungsschlüssel liege ohnehin schon zu hoch und…

Kretschmann nickt beruhigend.

Ruhe ist sein Charisma. Bedächtigkeit. Jeder Satz, jede Frage scheint das Ergebnis einer langen gedanklichen Prüfung zu sein. Er ist der Anti-Feuerkopf, der das schwäbisch-bürgerliche Vertrauen genießt, im Sinne von: genießen.

Er wollte eigentlich Priester werden. Tatsächlich ist da auch etwas Seelsorgerisches, wenn er sich unendliche Zeit nimmt, auf die Fragen der Bürgermeister einzugehen.

Doch dann steht das auf dem Programm, was ihn richtig euphorisiert. Spaziergang rüber zur Dualen Hochschule, ein Prunkstück im Ländle der Tüftler und Ingenieure, gerade hat er noch einmal 1,7 Milliarden bewilligt, Professoren erklären auf Diagrammen, deren Kurven imponierend in die Höhe stoßen, das „Erfolgsmodell“, das größte im Ländle, die meisten Absolventen bundesweit, allerdings klafft eine böse Lücke zwischen dem Platz-Angebot der Firmen und der tatsächlichen Belegung.

Die mathematische Vorbildung der Schulabsolventen ist eher so lá lá, Prozentrechnung, Bruchrechnung, man veranstalte nun Werbe-Seminare für Kandidaten aus Nachbarstaaten wie Polen, und natürlich rückt der Elefant wieder ins Spiel: wie viel Mathe-Genies sind unter den Flüchtlingen?

Winfried Kretschmann ist sichtlich in seinem Element. Er stellt die richtigen Fragen, später im neuen Labor lässt er sich die IT-Steuerung von Fabrikanlagen und eine Datenbrille vorführen, schon ein dolles Ding, das Ganze.

Für Momente sind wir wieder im schönen Alltag, im Bundesland mit den meisten Patentanmeldungen, dem Vorzeige-Flächenland mit den vielen mittelständischen Betrieben, der Pauker in ihm lächelt, der Revisor in ihm ist zufrieden, das hier ist die Zukunft.

Er erzählt von seinen Reisen nach China und nach Kalifornien, breit schwäbelnd „mir werdet von zwei Seite angegriffe, mir stehet im globaaale Wettbewerb, darauf müsset mir uns einstelle“.

Mittlerweile vergoldet die Nachmittagssonne die Herbstwälder und Rebenblätter, die Karawane setzt sich erneut in Bewegung, Richtung Hardheim, nun direkt zum Elefanten. In ein Flüchtlingslager, das Schlagzeilen machte, weil der Bürgermeister des Fleckens Benimmregeln aufstellte, die über die Achtung des Grundgesetzes hinausgingen.

Nämlich, „fremde Frau, fremder Mann“ die Deutschen lieben die Sauberkeit, deshalb Müll trennen und nicht in die Hecken pinkeln, und von „junge Frauen nicht die Handy Nr erbitten“, sie wollen nicht heiraten. Auf jeden Fall nicht so auf die Schnelle.

Licht in den Fenstern der Carl-Schurz-Kaserne auf dem Hügel über Hardheim, Kinder spielen zwischen den Wohnblocks, als die Staatskarawane die Security passiert, Kamerateams laufen vor dem Ministerpräsidenten her, schnell ist man umringt von Trauben von Menschen, einer insbesondere, pockennarbiges Gesicht, Lächeln, Chaché heißt er, er spricht englisch und gebrochen deutsch.

Da ist er, der Asylant, den wir den ganzen Tag suchen: ein Mathematiklehrer aus Syrien!

Er hat eine Art Dolmetscher-Rolle hier unten übernommen, während der Ministerpräsident die Kleiderkammer und den Kindergarten inspiziert, und unten im Hof wird Chaché umringt von Landsleuten und von Afghanen, die wütend sind. Worüber? Nun, die Security hat einige schlimme Figuren, sagen sie, und schließlich präsentiert Chaché eine Liste von Beschwerden.

Ganz oben: noch immer kein Taschengeld. Dann: Das Essen ist schlecht. Lebensmittelvergiftung bei Kindern. Termine in Karlsruhe sollten früher organisiert werden.

Auf dem Weg zur Pressekonferenz in der Kaserne kommen weitere Beschwerden. Der 18-jährige Fahid findet die Kleiderausgabe unsäglich, man dürfe sich auch gar nicht selber aussuchen, im Übrigen sei alles Second-Hand-Ware.

Nicht alle hier kommen offenbar aus dem Bürgerkrieg. Es sind Nigerianer unter den Asylanten, ein Aushang über Alkohol- und Waffenverbot hängt im Treppenhaus, auf Französisch, Arabisch und – Tamil. Ist der Bürgerkrieg in Sri Lanka nicht seit zehn Jahren befriedet?

Kretschmann wettert diesen Sturm der Unzufriedenen stoisch. In einer Art Schulraum im dritten Stock der Kaserne zeigt sich Kretschmann in einer Pressekonferenz begeistert über die Arbeit, die Ehrenamtliche hier verrichten. Und er weiß, dass sie nicht grenzenlos strapazierbar sind.

Nach einem letzten Termin, der sich fast bis Mitternacht zieht, irgendein Kaff feiert sein 750-jähriges Bestehen mit Bürgermeisteransprachen und Kinderchören, lässt sich ein total erschöpfter Landesvater in seine Limousine fallen, zu einem 4-Augen-Gespräch, in dem mir seine ruhige, introspektive Gelassenheit gefiel, mit der er die aktuellsten Hysterien seiner Partei – Thema: Sexualerziehung an Grundschulen – fortwischte. Es gibt Wichtigeres.

Islamunterricht? „Welchen Islam?“ fragt Kretschmann müde. Es gibt die verschiedensten Richtungen. Selbstverständlich hat er Bedenken gegen allzu Ankara-nahe Vereine wie die DITIB. Mittlerweile gibt es allerdings Islamunterricht der sunnitischen Richtung, dennoch brechen rund 30 Prozent der Studenten an den pädagogischen Hochschulen in Freiburg und Tübingen ab, weil ihnen die angebotene Islam-lehrer zu lasch ist.

Eine ganz bestimmte und verheerende Art des Islam meldete sich damals, am Abend nach unserem Limousinen-Gespräch.

Im Musikclub Bataclan in Paris richteten islamistische Terroristen mit der Beihilfe von dort beschäftigten muslimischen Kellnern, die ihnen die Türe öffneten, nicht nur ein gräßliches Massaker mit 130 Getöteten und 683 Verletzten an, sondern sie folterten ihre Opfer über Stunden, während Polizeikräfte draußen auf den Einsatzbefehl warteten, auf die allerentsetzlichste Weise.

Selbstverständlich schockierte das Verbrechen Frankreich und die Welt, und fegte alles andere aus den Zeitungen, was nicht dazu berichtete, auch ein „Porträt Kretschmann“.

Doch fest steht für mich noch heute, dass Kretschmann – auch wenn er sich des rituellen AfD-bashing nicht enthalten kann – mit seinem Wahlsieg am verganenen Sonntag, der sich seinem völlig unideologischen und pragmatischen Politikverständnis verdankt, auch die grünen Granden Baerbock und Habeck nervös machen dürfte.

Weil Kretschmann klar macht: Die Wähler mögen doch eher den konservativen Realismus von Arbeitsplatzsicherung und Krisenmanagement, religiöser Verankerung und Heimatliebe, als die gruselige Verordnungspolitik der jüngeren Missionare, der grünen urbanen Eliten, die Utopien wie „One World“ „Grenzenlose Willkommenskultur“, „Great Reset“ oder andere Utopien ins Volk hineinknüppeln wollen.