Vor zwei Wochen durfte ich in der Weltwoche einen Text unseres Chefredakteurs über die existentielle Notwendigkeit der Ehe lesen, der mich begeisterte. Er schrieb auch über die noch bedeutsamere Rolle von Ehekrächen, was mich weniger enthusiasmierte.

Doch zunächst einmal fand ich es erholsam, den Wörtern „Mann“ und „Frau“ ohne Relativierungen zu begegnen, ja sogar ihren eisengegossenen Formen „Ehefrau“ und „Ehemann“.

Also den zwei biologischen Geschlechtern, die Mutter Natur dem Menschen zur Verfügung gestellt hat, denn schon darüber wird ja in diesen unübersichtlichen Zeiten mit zunehmendem Eifer gestritten, das geht mittlerweile bis hinein in die Grammatik.  Am ungefährlichsten wäre heutzutage wohl die Aussage: Es gibt keine Unterschiede mehr. Solche zu betonen gilt ja als sexistisch, wir sind alle gleich.

Oder wir machen es noch einfacher, nämlich wie der noch amtierenden Kanzleramtschef Helge Braun, der Mann, der aussieht, als dürfe er gerade die Hosenanzüge seiner Chefin Angela Merkel  auftragen und der auf die Frage, wieviel Geschlechter es gebe, antwortete, man könne sich da nicht festlegen.

Mann und Frau scheint sowas von gestern zu sein.

Möglicherweise aus Gründen billigen Spannungsaufbaus wollten die Dichter und Dramatiker der Weltliteratur – ganz zu schweigen vom Allerhöchsten –  davon nichts wissen und verkürzten die Menschheit in der Vergangenheit zum Zwecke der Fortpflanzung im Prinzip auf zwei Geschlechter, also auf männlich und weiblich, auf Mann und Frau.

Was auffällt ist, dass es seit Adam und Eva in dieser „binären Codierung“ zu durchaus spektakulären Krächen kommt, offenbar hatte Loriot recht, als er sagte: „Männer und Frauen passen einfach nicht zueinander“. Unser größter Liebeslyriker Johann Wolfgang von Goethe gestand sich ein: „Die Frauen? Sie sind eine andere Nation“. Und Seelenforscher Sigmund Freud bekannte am Ende seines Lebens: „Die große ungelöste Rätsel ist: Was will die Frau?“

Eine Antwort darauf gab Roger Köppel in seinem editorial: Sie will uns Männer „zivilisieren“. Ohne die streitbare Frau wären wir immer noch „Höhlenmenschen“. Und überhaupt sei der Streit die kulturelle Gipfelleistung einer Ehe, ja deren konstitutives Element und geradezu ein Beweis für Liebe. Und er deutete an, dass es die Frauen seien, die so gerne an ihrem Gespons (also an uns Männern) herumkritisieren.

Aber warum?

In Tschechows Stück „Platonow“ wird genau dieser Frage nachgegangen. Der Titelheld, dem von allen Frauen des Stückes nachgestellt wird, ein Zyniker, der über die Prinzipienlosigkeit der Gesellschaft zum Säufer wird, sinniert über diese große Paradoxie:  dass sich Frauen in einen Mann genau deshalb verlieben, weil er so ist, wie er ist. Und ihn dann umerziehen wollen. (Am Ende wird Platonow von einer von den Frauen, die er enttäuscht hat, erschossen.)

Und das ist der nicht mehr kleine, sondern riesengroße Unterschied zwischen den Geschlechtern. Männer wollen ihre Ruhe haben, doch Frauen können nicht anders. Sie müssen ihren Mann so verbiegen, dass er genau in die Form passt, die sie sich von ihm in den Kopf gesetzt haben.

Ein neue Schöpfungsvorgang beginnt.

Da ich sorgfältig zu recherchieren pflege, fragte ich bei meinen buddies herum. Und überall, wo es Kräche gab, war die Antwort die gleiche: Sie hat angefangen. Aus heiterem Himmel. Nun sind die Anforderungen an uns nicht gerade herakleisch, aber sie sind beträchtlich: Müll rausbringen, Urlaub buchen, Baumhaus bauen, möglichst mit Brad-Pitts-Sixpack, Geld und Status erringen. Selbst wer hier nicht versagt, kann in Fallen tappen.

Das kann die nett gemeinte Bemerkung über das neue Kleid sein, das „schlank mache“, und endet vor dem Scheidungsrichter. Denn mit dem verunglückten Kompliment steigen Myriaden von ähnlich gelagerten seelischen Grausamkeiten auf, unauslöschbar auf der weiblichen Festplatte gespeichert.

Frauen wollen ihren Mann zum fehlerfreien Roboter umerziehen. Anfangs mag seine gelegentliche Schusseligkeit noch als irgendwie rührend durchgehen, aber nach einiger Zeit, sagen wir: schon nach dreißig Jahren, wird sie nicht mehr geduldet.

Noch einmal Loriot als Kronzeuge mit seinem berühmtesten Sketch, hier in geraffter Form:

„Herrmann?“

„Ja“

„Was machst du gerade?“

„Nichts“

„Garnichts?“

„Nein, ich sitze nur“

„Aber du könntest doch mal spazieren gehen“

„Nein“

„Ich bring dir deinen Mantel“

„Nein danke“

„Aber es ist zu kalt ohne Mantel“

„Ich gehe ja nicht spazieren“

„Aber eben wolltest du doch noch“

„Nein, du wolltest, dass ich spazieren gehen, ich will hier nur sitzen“

„Du kannst einen ja wahnsinnig machen“….

Wir sind uns einig, dass die brutalsten Umerzieher der Menscheit allesamt Männer waren, und in ihrem Erziehungswahn, ihrem Tugendteror seit der französischen Revolution, gleichzeitig auch große Massenmörder, die Robbespierre, Lenin, Stalin, Hitler, Mao Tse Tung…

Man möchte meinen, dass in Zeiten, in denen den Männern die Macht aus der Hand geschlagen wird und zunehmend Frauen in Schlüsselpositionen vorrücken, ob mit ohne Quote, ein neues Kapitel aufgeschlagen wird.

Frauen gelten als kommunikationsoffener, sanfter, konfliktlösender, pragmatischer.

Nun, ich habe Zweifel, aus meiner ganz persönlichen Erfahrung. Meine Frau sagt: Sie kann nicht anders. Für sie bin ich das Gestalt gewordene Katastrophengebiet, das von Grund auf reorganisiert werden muss. Möglichst alles neu machen, und das wird mit einem geradezu heiligen Eifer praktiziert.

Wenn ich das nun hochrechne auf die Gesellschaft, glaube ich, dass wir ungemütlichen Zeiten entgegengehen, wir Männer UND Frauen, denn der eigeborene weibliche Erziehungsdrang macht vor niemandem halt.

Stalin sagte noch, er werde alle Klassenfeinde vernichten. Frauen sagen es netter, etwa wie Kathrin Göring-Eckhardt, die ausrief: „Diese Gesellschaft wird sich radikal verändern, liebe Freunde, und ich muß Ihnen ganz ehrlich sagen: Ich freue mich darauf.“

Vielleicht sollten wir Männer, schon aus Erfahrung klug geworden, einfach „ja“ sagen zu unserer Umerziehung in dieser nun weiblichen Welt, denn wir ziehen ja sowieso den Kürzeren.

Siehe der arme Platonow, der Zyniker. Meistens wird sein Ende so inszeniert, dass man nur den Schuss auf der Hinterbühne hört.