„How terribly strange to be seventy“, sangen sie auf ihrem Album „Bookends“, das Paul Simon als ihr „vollkommenstes“, bezeichnete, wie merkwürdig, siebzig zu sein

Und nun sind sie 80, beide.

Wie schrecklich merkwürdig.

Das heißt, Paul Simon feierte seinen Geburtstag bereits, Art Garfunkel ist nächste Woche dran. In der Liste der einflussreichsten Rockstars des Rolling Stones belegen sie gerade mal den 40. Rang, aber sie dürften die Liste der schwermütigsten anführten, schon ihr Erkennungs-Song aus dem Film „Reifeprüfung“, „The Sound of silence“ ist eine Ballade, die sich ein Existentialist wie Albert Camus hätte ausdenken, hätte dichten können, und da war Paul Simon gerade mal 24.

So haben wir den Song in Erinnerung: mit Dustin Hoffmanns sehr jungem, sehr ratlosen Gesicht, das über der Kante eine Rolltreppe auftaucht, „hello darkness my old friend“, und der Song enthält bereits die Philosophie des ganzen Films, der einer der ratlosen Aufsässigkeit ist, die Ben, dem Collegeabsolventen, ins Gesicht geschrieben ist, „I come to talk with you again“, auch die Langeweile, die Ablehnung der Erwachsenen-Welt und ihrer hohlen Spiele,  dieser sanfte Song hebelt die grelle kalifornische Plastikwelt in eine düstere pubertäre Nacht.

 

Wer diesen Film mit 16 gesehen hat, der kommt als Ben aus dem Kino, bereit, gegen alle Welt anzukämpfen, und vor allem todesentschlossen, um seine Elaine zu kämpfen, um Katherine Ross, die Tochter der verhängnisvollen Verführerin Mrs. Robinson.

Wohl deshalb hat Mike Nichols diesem schwermütigen Folk-Duo die Film-Musik anvertraut, und mit dem Song über jene ebenso gelangweilte Alkoholikerin „Mrs. Robinson“, die Ehefrau eines Kongressabgeordneten, die man heutzutage als cougar, als Puma, als sexhungrige Raubkatze mit ersten grauen Haaren bezeichnen würde, gelang ihnen ein weiterer Hit.

Das war 1968 und die gewohnte Welt war ins Rutschen geraten und die Jugend hatte recht.

„The Sound of Silence“ war die melancholische Programm-Musik einer Generation und die „Reifeprüfung“ der Film dazu.

Ein paar Monate später erschien das Album „Bookends“, mit dem Song „Old friends“ und der Zeile „…sit on their parkbench like bookends“, sie sitzen da wie Bücherstützen im Regal auf der Parkbank, und zuvor eine Passage mit Stimmen der Alten, die Art Garfunkel in Seniorenheimen in New York und Los Angeles aufgenommen hatte, etwa „Ich habe immer auf der Seite geschlafen, damit mein Mann Platz hatte…und da schlafe ich jetzt immer noch“, oder „Eine Frau hat nur eine Aufgabe im Leben, nämlich sich um die Kinder zu kümmern“, und man begreift mit Rührung, dass hier eine Generation VOR allen Geschlechterkämpfen zu Wort kommt, eine, die die Depression und den Krieg erlebt hat und die lebenslange Sorge für einander.

Nur ein paar Monate, nachdem sie mit „Sound of silence“ die Skepsis einer jungen Generation in uhre Harmonien gekleidet hatten, nahmen sie dieses Album auf, das über das Alter philosophierte: „Can you imagine us years from today, sharing a park bench quietly, how teribly strange to be seventy“.

Bereits 1957 hatten die beiden Grundschul-Freunde begonnen, gemeinsam aufzutreten unter dem Namen „Tom und Jerry“, zunächst mit Songs im Stil der Everly Brothers und schüchternen ersten eigenen Kompositionen, bis eine davon, “The Sound of Silence“ Feuer fing.

Aber da sangen sie sich wegen des ausbleibenden Erfolges ihres Folkalbums „Wednesday morning 3 am“ schon in England durch die Clubs England und Paul lernte dort seine Freundin Kathy Chitty kennen, die er in mehreren Songs verewigte – am schönsten wohl in dem Song „America“.

Nun, plötzlich mit einer Nummer 1 in den Billboards, kehrten sie zurück und fanden wieder zusammen, und landeten mit dem Album “Parsley, Sage, Rosemary & Thyme” und der Single-Auskoppelung “Homeward Bound” einen weiteren Hit.

Das nachfolgende “Bookends” Album allerdings etablierte sie endgültig, es toppte wochenlang die Billboard-charts, und nie ist eine Greyhound-Bus-Tour von zwei verliebten Teenagern schöner beschrieben worden und nie die Einsamkeit in der Zweisamkeit: „Kathy I‘m lost I said, though I knew she was sleeping/ I’m empty and aching and I don’t know why/ counting the cars on the New Jersey turnpike, they’ve all come to look for America“…

Die Einsamkeit in der Zweisamkeit übrigens war schon auf das genaueste und grausamste von dem genialen Regisseur Mike Nochols eingefangen in der Schlusseinstellung der „Reifeprüfung“ – Ben hat sich seine Elaine vom Altar weg geschnappt und war mit ihr geflüchtet, die Kirchentüren verbarrikadiert mit einem quer durch die Griffe gesteckten Kreuz, gerade noch den Bus erwischt, so lassen sie sich in die letzte Reihe fallen strahlend, erhitzt, glücklich…doch dann verebbt die Freude, das Lächeln weicht einem unbestimmten Gefühl, der Sorge?, der Zukunftsangst? der um die Überlebensfähigkeit ihrer Liebe?…und sie schauen ernst vor sich hin, während noch einmal „The Sounds of Silence“ sich meldet mit der Zeile. „Hello darkness my old friend…“

 

Nun also „Bookends“ mit dem Song „Mrs.Robinson“ – das Album, es war die Zeit der Konzept-Alben, die mit „Stgt Peppers“ der Beatles begonnen hatte,  sollte den ganzen Lebensbogen abtasten – die junge Liebe in dem Song „America“  bis ins Altersheim mit dem Stimmen derer Bewohner und dem Song “Old friends“.

 

Sie gehen übrigens mit Mrs.Robinson, dem Vorstadt-Drachen mit den kleinen schmtzigen Geheimnissen, äußerst verständnisvoll, ja liebevoll um. Sie singen „God bless you please, Mrs Robinson“ und “Jesus loves you more than you will know”, und dann die tolle Zeile, die den Abschied von den glorreichen 50er-Nachkriegsjahren so genau beschreibt „Where have you gone, Joe DiMaggio?/Our nation turns its lonely eyes to you…“

Und da wir schon bei der poetischen Kraft der Songtexte sind, wie genau ist das Alter beschrieben in „Old friends“ von einem damals 25-jährigen Sänger:

„Old friends, old friends
Sat on their park bench like bookends
A newspaper blown through the grass
Falls on the round toes
Of the high shoes of the old friends

Old friends, winter companions, the old men
Lost in their overcoats, waiting for the sunset
The sounds of the city sifting through trees
Settle like dust on the shoulders of the old friends

Can you imagine us years from today
Sharing a park bench quietly?
How terribly strange to be 70

Old friends, memory brushes the same years
Silently sharing the same fears”

Heutzutage tragen die Alten keine “round toes on the high shoes” mehr, sondern Tennisschuhe wie alle.

Schon mit „Bookends“ deutete sich an, dass sie sich trennen würden. Doch in einem merkwürdigen gemeinsamen kreativen letzten Aufbäumen schoben sie noch das Album „Bridge over troubled water“ (Art Garfunkels Stimme!) hinterher, das bis zur Ankunft Michael Jacksons das meistverkaufte Rockalbum der Geschichte blieb.

Die folgenden Jahrzehnte hindurch waren die beiden damit beschäftigt, sich aus dem Weg zu gehen, wenn sie sich nicht gerade gelegentlich gemeinsamer Ehrungen beleidigten. Dennoch fanden sie immer wieder für einzelne historische Auftritte zusammen, etwa für das berühmte Konzert im Central Park 1981 vor 500 000 Zuschauern.

Doch sie blieben kreativ, und Paul Simon gelang  mit „Graceland“, dieser Fusion aus afrikanischer Musik und westlichem Rocksong, ein Geniestreich.

Ich hatte das Glück, die beiden im Madison Square Garden bei einem ihrer letzten Comeback-Auftritte zu erleben, und als sie noch einmal „Sound of silence“ sangen war es, als tauche Dustin Hoffman Gesicht über einer Rolltreppe auf und als wäre ich einen Abend lang nochmal sechzehn und hieße Ben und kämpfte um meine Elaine.

Und nun sind sie achtzig.

Vielleicht teilen sie sich eine Parkbank.

(Wahrscheinlich nicht.)

Wie merkwürdig.