In dem Nachruf auf die große und wundervolle Schauspielerin Jutta Lampe, die vor drei Tagen im Alter von 83 Jahren starb, verrät jede Zeile des mittlerweile leider emeritierten FAZ-Theaterkritikers Gerhard Stadelmaier, er selber ein Gigant und Noch-Zeuge der großen Theater-Dezennien der 60er – 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, dass er in sie verknallt war bis über beide Ohren.

Wir alle waren es, verliebt in diese hinreißende Porzellanpuppe Jutta Lampe, die gleichzeitig mit ihrem unter der Oberfläche rumorenden schläfrigen Sex-Appeal auch eine langweilig verheiratete russische Generalstochter sein konnte, eine ausbruchsglühende und gelassen Enttäuschte, wir konnten uns an ihr nicht satt sehen, ob als Göttin Athene in Peter Steins Inszenierung der „Orestie“ oder als Alkmene in Kleists „Amphytrion“, so marmorn schön, und ihr „Ach“ am Ende dieses göttlichen Verwirrspiels, überhaupt das berühmteste „Ach“ der Theatergeschichte, Büchermeter wurden darüber geschrieben, das klang bei ihr, als hätte sie tatsächlich erkannt, dass sie von einem Gott, in diesem Falle Zeus selber, beglückt und betrogen wurde.
Wir bewunderten natürlich auch Peter Stein, der mit ihr liiert und mit ihr seine Schaubühne illuminiert hatte, mit ihr, der Ersten unter den vielen wundervollen Frauen dort (Edith Clever, Ilse Ritter, Tina Engel, Corinna Kirchhoff), von den Männern (Bruno Ganz, Otto Sander, Michael König) ganz zu schweigen. Sie waren das Herrscher-Paar der deutschsprachigen Theaterwelt. Botho Strauße nannte Jutta Lampe “eine Schaum- und Kopfgeburt, gleichermaßen aus Vernunft und Sinnlichkeit geboren”.

Wie sie als Maria Lvovna über die Faxen von Michael König in den „Sommergästen“ den Kopf schüttelt, so überlegen und anmutig zugleich! Mit Peter Zadek begann sie in Shakespeares “Maß für Maß” 1963 in Bremen, mit ihm erlebte sie ihre letzte Premiere, die auch für Zadek die letzte war, in Bernhard Shaws Heilsarmee-Stück „Major Barbara“ 2009 – so hatte sich der Kreis geschlossen. Vielleicht hatten die beiden große Antipoden des Theaters, Stein und Zadek, sich auch uneingestanden um Jutta Lampe, die Theaterkönigin, gestritten, wenn sie einander bekrittelten.

Ich habe sie einmal getroffen, in Edinburgh, es muss 2005 gewesen sein, während des dortigen schönsten Fringe-Theater-Festivals der Welt, zwischen den dunklen schottischen Schloss-Fassaden lief sie dahin, wie eine leuchtende Somnambule, wohl auf dem Weg zum Theater, vor sich hinsprechend, wahrscheinlich ihren Rollentext memorierend ( „Orlando“ in Bob Wilsons Inszenierung), ich sprach sie an, sie lud mich in ihre Vorstellung ein, ich konnte sie nicht sehen, weil ich abends Peter Zadeks „Peer Gynt“ zu rezensieren hatte, das erklärte ich ihr bedauernd, aber ich verneigte mich vor ihr und gab mich als Bewunderer zu erkennen und nahm ihre Hand, um ihr einen Kuss darauf zu hauchen und sie war so…huldvoll…diese schönste alle Theaterköniginnen, und ein Licht, ein Glanz  verklärte ihr Gesicht, als ich irgendwas stammelte von den „Drei Schwestern“ und den „Sommergästen“, die ja tatsächlich Jahrhunderte zurücklagen, für uns beide.

Peter Stein sagte einmal, ihre Hingabe an das Theater sei „fast religiös“ gewesen, und ich glaube ihm aufs Wort. Tatsächlich ist sie ja spät zum Katholizismus konvertiert.

Die letzten Jahre ihres Lebens rutschte sie in eine Demenz, und Stadelmaier schließt seine Eloge mit den trauernden und treffenden Sätzen: “Es war eine ungeheure Seinsungerechtigkeit, dass die königliche Zauberin so vieler Unvergesslichkeiten gegen Ende ihres Lebens, niedergedrückt von einer erbärmlichen Auslöschungs- und Vergessenskrankheit, nicht einmal wusste, wer sie war: eine wahrhaft große Schauspielerin.” Auch diese antikisch-klassische Vase des Schaubühnenensembles, nun also zerbrochen, wie vor ihr 2019 der Schweizer Bruno Ganz, aber selbst die Scherben der Erinnerung überglänzen noch den heutigen Tollhausbetrieb…danke Jutta Lampe.

 

 

 



Kämpfen Sie mit!

Wie Sie sicher gesehen haben, kommen meine Beiträge ohne Werbung aus. Daher: wer mich in meinem Kampf gegen eine dumpfe Linke, die auf Binnen-Is und Gendersternchen besteht, aber Morddrohungen nicht scheut, unterstützen möchte, besonders für allfällige gerichtliche Auseinandersetzungen, kann es hier tun.

Spenden

Sie haben lust auf mehr?

Unter dem folgenden Link finden Sie weiter Artikel.

Weiterlesen