Es sollte ein begeisterter Aufbruch werden in der katholische Weltkirche, und es beschleunigte doch nur ihren Verfall als Volkskirche und führte zu dem, was Martin Mosebach in seinem Bestseller „Die Häresie der Formlosigkeit“ nannte: Das zweite Vatikanische Konzil.

Vor sechzig Jahren auf den Tag genau wurde es mit einem Fackelzug auf dem Petersplatz in Rom eröffnet. Zwei Weltkriege lagen hinter ihr, neue Zeiten brachten Durchbrüche in Technologie und Wissenschaft, die Hoffnungen der Kirche waren auf ein zweites Pfingsten gerichtet, auf ein Brausen des  Heiligen Geistes, das die Kirche gottfröhlich ins 21.Jahrhundert tragen sollte.

Ich erlebte die Auswirkungen des Vatikanums als Fußsoldat im Altarraum, als Ministrant, – und ich erlebte es als Kälteeinbruch und seelischen Absturz.

Zunächst einmal fiel das Stufengebet aus: „Introibo ad altare Dei, ad Deum, qui laetificat iuventutem meam”, das war für mich der Beginn der Messe, dieser Wunsch nach Weihe: „Zum Altar Gottes will ich treten, zu Gott, der meine Jugend erfreut…“

In der Folge wurde für mich das Reform-Konzil sonntags buchstäblich zur geografische Angelegenheit. Das muss ich erklären:

Unsere Familie bewohnte ein Haus in Hanglage in Stuttgart, und sonntags hatten meine vier Brüder und ich die Wahl zwischen der Kirche im Tal, Herz Jesu, in den 20er Jahren aus gelben Natursteinbrocken erbaut nach dem Vorbild frühchristlicher Basiliken, nur dass sie nicht in Calabrien, sondern in Cannstadt stand…und einer von Ordensleuten geführten kleinen Kapelle auf dem Berg zur Degerlocher Höhe.

Mir war der Anstieg auf den Berg lieber: dort wurde noch nach dem alten Ritus zelebriert, dort gab es Weihrauch und Geheimnis, mit Stufengebet und der Ausrichtung auf den Hochaltar, alle gemeinsam, Priester und Volk und Familie, in einer kosmischen Dimension der Liturgie, alle gemeinsam Richtung Osten und Sonnenaufgang.

Vielleicht ist der Glauben ja tatsächlich eine Sache für Kinder, wie Goethe in seinem „Prometheus“ spottet, für Kinder und Toren, also für Fantasten und Künstler.

Dort oben auf dem Berg ergriff mich das Geheimnis der liturgischen Opferhandlungen, das „Ganz Andere“, in einer Weise, wie es die Messe im Tal nie vermochte, gerade weil dort unten im Flachland, mit dem sogenannten Volksaltar in der Mitte, einem Opferblock aus grauem Marmor und buntgemalten Apostelfiguren unter dem Kreuz, zuviel Tageslicht im Raum war, ja geradezu aufdringlich der Kontakt zwischen Zelebrant und Gläubigen gesucht, ja: erzwungen wurde.

Ich erinnere mich an das Gefühl von Peinlichkeit und der Gewöhnlichkeit.

Als sei ich verbotener Zeuge einer kultischen Handlung, die nicht für meine Augen bestimmt ist, und die beschirmt und geschützt werden muss.

Also kurz gesagt: bei mir, rund zehn Jahre alt, ging das vom Papst Johannes XXIII. ausgerufene „aggiornamento“, eine Anpassung an die neuen Zeiten, gründlich schief. Es stärkte meinen Glauben nicht.

Dabei war genau dieses das erklärte Ziel.

Doch für die Kirche galt das Bonmot von Carl Schmitt, der damals witzelte: „Alles fließt sagt Heraklit, der Felsen Petri, der fließt mit“,

Eine geradezu wütende Korrosion des Glaubens hatte nach dem Konzil um sich gegriffen. Zu Beginn des Konzils, 1962, zelebrierten 26 000 vorwiegend junge Priester, heute gibt es noch 12 280, vorwiegend alte.

Während zu Beginn des Konzils noch elf Millionen Katholiken den Sonntagsgottesdienst besuchten, waren es im letzten Jahr nur noch weniger als 1 Million.

Hunderttausend Priester verließen die Kirche in den zehn Jahren nach dem Konzil.

Vielleicht waren sie auch schon verloren an die Welt und ihre Versuchungen, die auch mich damals bald mitreißen würden.

Statt nun gegenzusteuern, versuchte sich die Kirche – insbesondere die deutsche Theologie – an die Spitze dieser Säkularisierungen und Trivialisierungen zu setzen.  Klampfen eroberten die Kirchen. Selbstgebastelter Kinderkram wurde im Altarraum aufgeklebt als Zeichen besonderer Volksnähe. Hochaltäre wurden zerhackt, stattdessen kamen die sogenannten „Volksaltäre“ mit dem Opferblock in der Mitte des Altarraums, obwohl kein einziges Konzilsdokument diese Praxis verlangt hatte.

Beichtstühle verschwanden, kein Geflüster mehr durchs Holzgitter, stattdessen sitzt man sich beim Beichten nun wie zum therapeutischen Gespräch gegenüber.

Mosebach berichtet in seinem Buch von einem Kreuzweg, der aus rostigen Cola-Dosen gebildet wurde, und von dem Argument, das ihm dafür gegeben wurde: Der Kreuzweg des Herren war grausam, also muss es auch die Kunst sein. Was für ein banausisches Missverständnis, sowohl theologischer wie ästhetischer Art!

Mit der Kunstavantgarde der 60er einher ging auch eine Verkopfung des Glaubens, eine Protestantisierung und Entsinnlichung, und die Endstufen dieses Prozesses erleben wir jetzt mit dem Komplett-Erschlaffen der katholischen Muskeln, mit dem deutschen syndalen Sonderweg samt der Forderung nach Abschaffung des Zölibats für Priester, dem Plädoyer für die Priesterinnenweihe und ansonsten das angesagte feministische Emanzipationszeug wie „Maria.2.0“

Völlig missverstanden wurde, was noch Johannes XXIII am Herzen lag, nämlich, Zitat, „das heilige Überlieferungsgut der christlichen Lehre zu bewahren und zu erklären…“

Die Kirche, das muss der Fairness halber gesagt werden,  geriet allerdings auch in eine schwierige mentale Großwetterlage:

Statt des Hl Geistes brauste der Neomarxismus unter den Theologen, die Linke übernahm die kulturelle Hegemonie auch in der Kirche…ein Teil wandte sich der marxistischen Befreiungstheologie zu, ein anderer Teil zertrümmerte Glaubensbestände, mittlerweile wird auf Katholikentagen Muslimas applaudiert, die unter Verletzung der sakramentalen Voraussetzungen zur Kommunion gehen – und im Vatikan sitzt ein Papst, der mit Indiopriestern Rauchopfer an Pacha Mama zelebrieren lässt.

Die deutsche Nationalkirche allerdings treibt es in der Auflösung am weitesten. Sechzig Jahres nach dem Aufbruch des Zweiten Vatikanums ist die katholische Kirche in Deutschland eine in Kirchenfarben gepinselte linke NGO.

Deutsche Kardinäle finanzieren Füchtlingsboote und verdammen regierungstreu wie nie zuvor die einzige Oppositionspartei, die AfD, indem sie deren Wählern das Christsein absprechen, und alle träumen sie in der deutschen katholischen Kirche von einem protestantischen Wegdämmern im Zeitgeist…

Alles fließt…

…aber, liebe Katholiken, es ist genug geflossen, wir brauchen kein neues Vatikanum, die Zeit ist reif für eine Gegenreformation – wir Katholiken müssen uns nicht anbiedern, bei niemandem, wir haben Demut nur dem Höchsten gegenüber.

60 Jahre nach dem Konzil muss die Devise sein: Holen wir uns unsere Kirche zurück!