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Wir Deutschen - Warum die anderen uns gern haben können

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Pressestimmen

"Matusseks schwarz-rot-goldene Provokationen sind klug und witzig, und sie beweisen, dass man Patriotismus nicht den Reaktionären überlassen muss."

Ulrich Wickert

"Matusseks Buch ist eine inspirierende Lektüre"
Hans Ulrich Gumbrecht, Frankfurter Allgemeine Zeitung

"Heinrich Heine heißt das Vorbild des Autors, und dass er ihn in einigen Passagen nahe kommt, gehört zu den Schönheiten des Buches. Noch schöner allerdings ist der Hang Matusseks zur polemischen politischen Inkorrektheit."
Franz-Josef Wagner, Bild


Rezensionen


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King Kongs Waldlied
„Wir Deutschen”: Matthias Matussek rumpelt durch die Heimat
Matthias Matussek muss man sich als eine Art Monster vorstellen. Auf Seite 148 seines Buches kamen uns fast die Tränen. Mit ordentlich Hass wie auch Selbsthass berichtet der 52-Jährige da, er sei „mit feister Wampe” bei der sich „nicht im Bilde” befindenden Sandra Maischberger auf dem TV-Sofa gescheitert, an einem Abend, an dem über alles gebrabbelt worden sei, „was einem so durch die Rübe rauschte”.
Immerhin ist die Rübe mit der Wampe seit rund einem Jahr Kulturchef des Spiegel. Dem Magazin war er zuvor als Reporter verbunden, zuletzt in New York, Rio und London. Das Gerücht, die drei Weltstädte hätten jeweils laut aufgeatmet, nachdem „der Deutsche” wieder weg war, ist, wie gesagt, nur ein Gerücht, die haben sicher noch andere Probleme. Angeblich benimmt er sich nun auch als Kulturchef des Spiegel wie ein Braunbär unter Schafen, was jedoch, sollte es so sein, nicht unser Problem wäre, sondern das Problem der Schafe. Sogar unter seinen Gegnern, nein, sprechen wir ruhig von Feinden, ist aber unumstritten, was Matussek neben „frauenfeindlich” und „cholerisch” noch ist: ein sehr guter Reporter.
Erst im Ausland wurde dieser Reporter zum Anhänger Deutschlands, was vielen Linken so geht, die sich fern der gemütlich verhassten Heimat plötzlich mit brasilianischer Kriminalität oder, noch schlimmer, mit britischer Arroganz herumplagen müssen. Wenn man nun sein Buch „Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können” gelesen hat, erscheint einem Matthias Matussek als ziemlich exakte Monstermischung aus Heinrich Heine, Gerhard Schröder und Peter Gauweiler, vor allem wie Letzterer: als „einer der letzten wirklichen Konservativen des Landes! Ein Mann von systemverachtender Melancholie”, so Matussek über Gauweiler, und, wie wir vermuten, auch über sich selbst. An Schröder wiederum verehrt er den rustikalen Reformer sowie womöglich noch andere rustikale Eigenheiten, die er an sich selbst auch verehrt. Und die Sehnsucht des Dichters Heine? Ist ebenso auch die Sehnsucht des Autors dieser Deutschlandreise. Es ist die Sehnsucht nach Erlösung: in Liebe, Frieden, Freiheit und Frechheit.

23 Kapitel, ein ziemlicher Trip
Kurz und knapp: Matthias Matussek ist nicht Florian Langenscheidt. Und strafbar würde sich machen, wer dieses Buch hier in ein Regal stellt mit dem seidigen Deutschland-Geplapper, das derzeit sonst auf dem Markt ist. Um es in Matusseks bescheidener Art zu sagen: „Natürlich ist dieses Buch nicht das einzige, das über Deutschland geschrieben worden ist in den letzten zwei Jahren. Es mag das bedeutendste sein, aber es ist nicht das einzige.”
Die 23 Kapitel über die wieder entdeckte Heimat, sie sind ein etwas durchgedrehter Trip durch eine Art Zoo, in dem sich Paul Nolte, Hagen Schulze, Klaus von Dohnanyi und Alexander von Humboldt rauschhaft mit Harald Schmidt, Pina Bausch oder Heidi Klum (die Matussek derart begehrt, dass er fast die Fassung verliert!) im selben Gehege begegnen.
Das Buch hat dabei eine Qualität, die man ihm leicht zum Vorwurf machen kann: Es vermittelt Freude an einem Land, das etwas irre ist, allerdings oft irre interessant und nicht rund um die Uhr nur irre gefährlich. Der stramm linke britische Filmregisseur Terry Gilliam äußerte neulich in kleiner Runde die Ansicht, wir Deutsche pflegten den Diskussionen über unser Heimatland in der Weise beizuwohnen, dass wir uns über die gesamte Dauer jener Diskussionen selber auspeitschten. Matussek nun gibt sich einige Mühe, zu diesen Deutschen nicht zu gehören.
Mitunter merkt man, dass der Autor lange fort war und nun über Sachen staunt, über die wir schon gestaunt haben. Das verleiht dem Buch dann einen etwas naiven Charme - als ob ein Außerirdischer von seiner Reise zur Erde „neue” Erkenntnisse ins All funkt, zum Beispiel jene über das Berliner Szenelokal „White Trash” oder über die Cafés und Salons der (eigentlich nicht mehr sehr) neuen Hauptstadt.
Nebenbei trifft sich Matthias Matussek mit anderen Monstern romantischen Schlages, zum Beispiel mit dem BildKolumnisten Franz Josef Wagner. Das mag man im Interesse der alten Hochsicherheitsgrenze zwischen Spiegel und Springer furchtbar finden, aber womöglich ist ein Abend mit Wagner vergleichbar mit den neuen Kulturseiten des Spiegel: mitunter bodenlos, dabei alles andere als uninteressant.
Dass Matusseks Methode britisch anmutet, könnte daran liegen, dass schon Heinrich Heine mehr britischen Witz besaß als die Briten selbst, und auch daran, dass Matussek durch das Gemisch aus Ignoranz und Arroganz im Königreich während seiner dortigen Amtszeit überhaupt erst ordentlich befeuert wurde: „Umfragen zeigen, dass, im internationalen Vergleich, die Engländer das bei weitem unsympathischste Volk auf Erden sind. Ich kann mich für den Wahrheitsgehalt dieser Umfragen verbürgen, denn ich habe sie selber durchgeführt.”

Kapitalistischer Sauhaufen
Und die inländischen Feinde? Recht übel wird Matussek bei einem Lunch im London des Jahres 2005, als Otto Graf Lambsdorff - bizarrerweise gegen den Widerstand anwesender Briten - das eigene Land in Schutt und Asche redet: „Seine Muschelsuppe und sein Rinderfilet blieben unangetastet, denn der Graf hatte eine Menge zu sagen. Durchweg Düsteres.” In Heines Heimatstadt Düsseldorf zitiert er anlässlich des Mannesmannprozesses den Dichter selbst, hört „Bierstimmen”, sieht „spitzbübische Manufakturwarengesichter” und bilanziert bitter: „Das ist übrig geblieben von Heines Säkularisierung und seinem Kampf gegen die Pfaffen und seiner Vision eines kommunistischen Paradieses - ein kapitalistischer Sauhaufen.” Glänzend beschrieben ist der Besuch in Wolfsburg, wo der Skandalkonzern VW dergestalt an der Zukunft arbeitet, dass es aussieht wie in der „Dur-Auflösung eines Alptraums” - und wo Peter Sloterdijk in tiefer Nacht durch eine TV-Runde führt: „Philosophie und Phaeton, zwei Minderheitenprogramme”.
Bei seinen Feinden im linksliberalen Lager macht Matussek keine Gefangenen: „Der nationale Selbsthass der 68er . . . war und ist . . . Ausdruck einer übergroßen Selbstherrlichkeit. Er sagt nämlich: Spießer und Reaktionäre sind immer die anderen.” Dass das stimmt, ändert nichts daran, dass zum Beispiel Rentner mit Hut oft reaktionär sind, worüber sich aufzuregen keiner mehr aufregend findet. Matussek hingegen arbeitet sich tapfer statt an Rentnern mit Hut an Kollegen ab, die er entweder zu Recht furchtbar findet oder mit denen er womöglich noch eine winzige Rechnung offen hat. Müßig? Ja. Lustig? Auch. Schreibt zum Beispiel der Feuilletonchef der Zeit: „Den Deutschen ist nicht zu trauen”, gibt's gleich mal was auf die neunmalkluge Nase: „Natürlich ist das ein unlogischer Satz, denn er selbst ist ja auch Deutscher, und sich selbst traut er sehr wohl.”

Passt und hat vorne noch Luft
Es liegt nun in der Natur vieler Monster, dass sie auch lieb sein können. Wandert Matussek nicht durch Medien, sondern durch Mythen und Wirklichkeit, so klingt das - wie Heine sagen würde - „wie das letzte / Freie Waldlied der Romantik”. Besuche in Werbeagenturen, Unterhaltungen mit anderen Untergehern aus dem Kleinaktionärswesen, solche Sachen liegen hier wie unterm Mikroskop erleuchtet, besser kann man über die Winkel des Alltags nicht schreiben. Schließlich und saukomischerweise findet sich das Nibelungenlied in eine Nacherzählung gepresst, die sicher nicht ohne Absicht an die lakonische Politschreibe des Magazins erinnert, in dem sie auch erschien: „Jahre verstreichen am Hofe Etzels, und meistens ist Kriemhild depressiv.” Im Schuhladen riefe man: Passt und hat vorne noch Luft. Großartig.
Der rumpelnde Heimkehrer Matussek, ist er verbittert exlinks oder bedenkenlos neurechts oder beides oder was? Ach, ist es nicht egal? Er ist - vor allem - ein fulminanter Stilist der romantischen Schule. Die Kombination aus Reportage und Hochkomik, sie dürfte in dieser Drehzahl in Deutschland einmalig sein. Das Monster, das hier durch unsere Straßen zieht, wir können es nur noch mit King Kong vergleichen, den anderen großen Schwärmer, der nicht umhin konnte, die eine oder andere Spur der Verwüstung zu hinterlassen.
Aus der Ferne betrachtet - sagen wir: aus München - ein einziges Vergnügen.

Alexander Gorkow



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Endlich in der Heimat
Matthias Matusseks Streitschrift für entspannten Patriotismus

Nichts überrascht mehr an diesem Buch als der entspannte Ton, den sein Autor anschlägt. Denn er schreibt ja über das Verhältnis der Deutschen zu ihrer eigenen Nationalität, über ein Thema also, das sonst nur die verbissensten Mienen und die allerernstesten Akkorde abruft. Matthias Matussek hingegen sieht Deutschland in den Gesten und Gesichtern der Menschen, die er liebt. Am Anfang des Buchs steht die Erinnerung an seinen fünfjährigen Sohn, der "nach einem Transatlantikflug auf der Gangway in Frankfurt auf die Knie ging und theatralisch ausrief: ,Endlich in der Heimat.'" Es endet mit dem Blick auf das Gesicht seiner schlafenden Frau, in dem er die beste Antwort auf die Bitte findet, "einen unverkrampften Satz über Deutschland zu sagen".

Eine andere Klammer des Buchs erklärt den optimistisch ambivalenten Untertitel "Warum uns die anderen gern haben können". Von seiner fassungslosen Wut über die englische Romanautorin Antonia Byatt berichtet Matussek einleitend, die bei einem zu ihren Ehren von der deutschen Botschaft in London veranstalteten Dinner anmerkte, alte Demokratien wie Großbritannien bedürften einer europäischen Verfassung nicht, während sie allemal ein guter Schutz gegen die notorisch unzuverlässigen Deutschen sein könnte.

Der unschlagbare Deutschen-Haß der englischen Medien verfestigt sich über die folgenden dreihundertfünfzig Seiten zu einem Leitmotiv, welches Matussek freilich mit soviel Fremd- und auch Selbstironie ausspielt, daß es drei Seiten vor Schluß widerspruchslos in eine Liebeserklärung umschlagen kann: "Hatte ich schon erwähnt, daß ich unser germanisches Brudervolk auf der Insel immer schon sehr mochte? Es ist Zeit für eine Aussöhnung, und wie immer ist es der Klügere, der hier den ersten Schritt tut: Also Engländer, meinetwegen schnappt euch Schleswig-Holstein. Aber ab jetzt: Keine Hitlertiraden mehr, klar?!"

Es gibt freilich in Deutschland geborene Intellektuelle aus Matusseks Generation der jetzt Fünfzigjährigen, denen die nationale Geschichte so sehr zu einer von den schweigenden Tätern auferlegten Last wurde, daß sie das Land verließen, seine Staatsbürgerschaft aufgaben und bis heute bei jeder Rückkehr für einen - vielleicht obsessiven - Augenblick zu spüren glauben, daß seine Atmosphäre verwunschen bleibt. Für solche Deutsche, über die sich Matussek vor allem lustig macht, ist seine programmatische Unbekümmterheit gewiß eine Herausforderung: "Ich bin nicht tief traumatisiert, denn ich denke nicht oft an die deutsche Schuld und an den Holocaust, und wenn ich es tue, bin ich traurig."

Um Sätze wie diese zu rechtfertigen, macht Matussek geltend, daß sich die Scharniere der Zeit verändert haben, unter denen die Deutschen ihre Vergangenheit erfahren können. Deutsche Gegenwart ist für dieses Buch nicht einfach die Berliner Republik, sondern spezifischer die Berliner Republik der Regierung von Angela Merkel, in deren Kabinett und Opposition sich eher als die Integration von Ost-Deutschen und West-Deutschen die Neutralisierung ebendieses Unterschieds vollzogen haben soll.

Deutschland sei zum ersten Mal in einer Situation angekommen, wo seine Grenzen und seine zentrale europäische Rolle unbestritten akzeptiert werden. Dieser Eindruck erklärt möglicherweise die Beobachtung eines neuen politischen Stils, in dem nach Matussek Kompetenz und pragmatische Problemorientiertheit über die klassischen ideologischen Grenzziehungen dominieren. Vor allem aber soll die unideologische Gegenwart den Blick auf die Weite nationaler Vergangenheit eröffnen, die nicht mehr blockiert ist vom "Riegel" der zwölf nationalsozialistischen Jahre.

Irrweg der Bildungsnation

Statt auf die im Fall Deutschlands unvermeidlich prekären Definitionen durch Territorialgrenzen oder durch die Kontinuität einer politischen Mission setzt Matussek auf Deutschland als Kulturnation, das heißt: auf die produktive und zivilisierende Sehnsucht nach Einheit eher als auf Einheit als geschichtliche Tatsache. Träger und Agent dieser Sehnsucht und seiner Verwirklichung sei der deutsche "Bildungsbürger" gewesen, verkörpert vor allem vom kulturbegeisterten Beamten, der sich schon immer unterschieden habe vom "citizen" oder "citoyen" in der angloamerikanischen und französischen Tradition und von seiner Forderung nach politischen Rechten zur Durchsetzung von wirtschaftlichen Interessen.

Ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der philosophischen, literarischen und musikalischen Tradition und jenen spezifisch deutschen "Sekundärtugenden", zu denen Matussek neben Pünklichkeit, Sauberkeit, Zuverlässigkeit nun gleich auch noch Entspanntheit und Friedfertigkeit zählen möchte, wird nicht deutlich. Was er immer wieder empfiehlt und fordert, ist ja nur eine unverkrampfte Offenheit diesem Erbe gegenüber, weil seine Konkretheit nicht zu ersetzen sei durch das allzu abstrakte Konzept von Europa.

Eher lustlos und unanschaulich fällt dagegen Matusseks Versuch aus, das Bejahen der historisch gewachsenen Nationalidentität zu rechtfertigen als notwendige Bedingung für eine wirtschaftliche und politische Kollektiv-Zukunft. So kann es seinem Leser kaum entgehen, daß das, was ihn vor allem, ja vielleicht allein bewegt, der bildungsbürgerlich-ästhetische Wert eines Lebens in Würde und Stolz ist. Dagegen ist gewiß nichts einzuwenden. Nur verliert angesichts dieser Sehnsucht und der in ihr aufscheinenden Möglichkeit Deutschlands zu einem neuen, anderen Leben Matusseks Blick auf die dunklen, mit dem Begriff der Bildungsnation nicht zu versöhnenden Jahre der Vergangenheit allzuviel von jener analytischen Schärfe, die ihn sonst auszeichnet.

Nichts als "sprachlose Traurigkeit" empfinde er angesichts des Holocaust als einem historischen Geschehen, das in seiner Sicht "ein Teil der Deutschen einem anderen Teil unseres Volkes angetan hat". Mit dieser Formulierung aber verwandelt er das nationalsozialistische Projekt von der "Endlösung" als Industrialisierung des Mordens in die vergleichsweise respektable Struktur eines Bürgerkriegs, wo Angehörige derselben Nationalität in Konflikt stehen. Was jedoch den Selbstanspruch des deutschen Bildungsbürgertums für immer in Frage gestellt hat, war gerade das Akzeptieren einer zur Politik gewordenen Ideologie, welche den Opfern nicht nur ihr Deutschsein, sondern auch ihr Menschsein verweigerte; das Akzeptieren einer Ideologie, welche die Juden, die Roma und die Homosexuellen nicht allein aus der Nation als Gemeinschaft heraussetzte, sondern aus jeglichem Rechtsverhältnis und jeglicher Ethik.

Glanz des Feuilletons

Am Ende einer bemerkenswerten Beschreibung des Stadtbilds von Wolfsburg stößt Matussek auf den Grundstein des Volkswagenwerks, "darin eingemeißelt die Jahreszahl 1938 und das Hakenkreuz. Es ist der Grundstein des Volkswagenwerks", kommentiert er. "Es ist nicht der Grundstein Deutschlands." Auf diese Weise kann man im vereinigten Deutschland der Berliner Republik die Geschichte der Nation sehen und formen, und vielleicht ist es ja richtig und wirklich an der Zeit, den neuen Generationen ein Bild von der eigenen Identität weiterzugeben, das nicht gänzlich überschattet ist durch den Riegel der Shoa und durch die moralische Selbstgerechtigkeit von Selbstgeißelungen.

Andererseits kann das Recht auf neue Entspanntheit wohl nicht einfach ein Effekt der mehr als sechzig Jahre sein, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen sind, und schon gar nicht ein Ergebnis der Wiedervereinigung als politischem Faktum. Was Deutschlands Zukunft von der Gegenwart einer mit Schande beladenen Vergangenheit befreit hat, das waren säkulare Akte und Haltungen, die der theologischen Logik von "Erlösung" entsprachen. Es war die Bereitschaft weniger Deutscher, Verantwortung für Verbrechen zu übernehmen, an denen sie nicht beteiligt waren.

Einige von ihnen gehören zu den Helden von Matusseks Buch, obwohl ihm ihre politischen Positionen denkbar fern sind. Willy Brandt bewundert er für die Geste des stummen Kniefalls im Warschauer Getto und den Dichter Heiner Müller für seinen auf die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts reagierenden gnadenlosen Pessimismus. Aber auch Deutschen wie Matusseks Vater, der sich in den Nachkriegsjahrzehnten als Bildungsbürger und konservativer Politiker offenbar für einen Neuanfang ohne Selbstschonung engagierte, verdankt die Berliner Republik ihre Möglichkeit und ihr moralisches Recht auf eine Bejahung der Nationalidentität. In eine solche Familie geboren zu sein ist schieres Glück, so, wie Matussek offenbar auch das Glück hatte, unter den deutsch-jüdischen Emigranten in Manhattan nur auf versöhnliche Freunde zu stoßen.

Und wovon ist im Blick auf Deutschland nicht die Rede in diesem fakten- und erlebnisreichen Buch, dessen größtes Verdienst darin liegen mag, daß es trotz - oder vielleicht wegen - der optimistischen Grundeinstellung des Autors seine Leser verpflichtet, die alten, ernstesten deutschen Fragen aus einer neuen Perspektive zu stellen und durchzudenken? Abwesend ist zum Beispiel der alte und wohl immer noch lebendige Traum der deutschen Kulturnation vom europäischen Westen und Süden, von Frankreich, Spanien, Griechenland und Italien als Projektionsflächen kollektiver Sehnsucht. Der deutsche Kosmopolit Matussek bewundert mehr den Patriotismus der Amerikaner und der Schweizer, und an Brasilien erinnert er sich mit warmer Sympathie. Aber diese geographische Verschiebung ist nur eine von vielen exzentrischen Gesten, die seinem Buch alle Schwere nehmen.

Ob man seine Positionen teilt oder nicht, Matusseks Buch ist eine inspirierende Lektüre, und in seiner Mischung aus Bildung und Engagement zeigt es sich als ein typisches Produkt des deutschen Feuilletons, das im internationalen Vergleich zu den Glanzlichtern der Berliner Republik gehört. Vielleicht waren Zeitungen seit der Zeit von Heinrich Heine, Ludwig Börne und Karl Marx nie mehr so belebend und zentral in der deutschen Kultur wie heute. Denn im Feuilleton vor allem hat jene bildungsbürgerliche Tradition, auf die Matussek setzt, ihre Verjüngung erfahren und eine Kontinuität gefunden. Das sollten auch und gerade jene Leser anerkennen, deren Patriotismus die Unbekümmertheit noch immer abgeht.

HANS ULRICH GUMBRECHT