Lieber Rudi Dutschke
Sie waren in der evangelischen Jugendgemeinde aktiv, ich nehme jetzt einfach mal an, Sie schauen vom Himmel aus zu.

Derzeit findet in Berlin der «1. Demokratiekongress» statt, knapp sechzig Jahre nach jenem «Vietnamkongress», mit dem Sie 1968 den Startschuss zur Revolution auch im hochentwickelten Westdeutschland gegeben haben – plötzlich sahen Sie sich mit Ihren Kommilitonen ebenfalls im Befreiungskampf gegen den US-Imperialismus. Aber, damals in Berlin ging es doch auch um Argumente, Ideen, Opposition, antiautoritären Protest. War das nicht beflügelnd? Darum geht es auch jetzt wieder in Berlin, lieber Rudi.

Nur: Ihre Leute regieren mittlerweile, Sie hatten «den langen Weg durch die Institutionen» beschworen, siegreich – ich hatte bereits Anfang der Siebziger in einer WG mit maoistischen Lehrern gewohnt. Heute kann ein Berliner Grüner zufrieden feststellen: «Jetzt haben wir unsere Leute überall in der Verwaltung und den Behörden untergebracht.»

Diese linke Machtballung hat natürlich Folgen, unschöne. Kritiker werden verfolgt. Denunziationen blühen. Darüber hinaus schlagen Ihre Genossen die Natur kurz und klein, um ihre Windmühlen aufzustellen mit dem Ziel der Deindustrialisierung. Und das Schönste: Der Kapitalismus geht in die Knie, endlich!, was Ihre Beamtengenossen nicht weiter stört, denn die gehören, marxistisch gesehen, der Klasse der «unproduktiven Arbeiter» an – das allerdings fürstlich entlohnt. Mit den Blockierungen der AfD zeigt der «repressive Staatsapparat» nun Zähne gegen seine Kritiker. Ist es wirklich das, was Sie wollten?

Ich hatte Sie damals in all Ihrer Besessenheit als lustvollen Debattierer erlebt. Sie waren einst Mitglied der «subversiven Aktion», kulturrevolutionär, antiautoritär. Erinnern Sie sich? Vielleicht melden Sie sich für diese drei Tage oben ab und beleben den Kongress mit einem feurigen Appell: für Demokratie und Meinungsfreiheit und Medienverantwortung. Um die wird dort nämlich gerungen. Na los!

Mit freundlichen Grüssen

Matthias Matussek

Quelle: Weltwoche



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