Für mich sind Sie der Mann der Stunde. Was Sie gegen die bärenstarken Kroaten im Gruppenspiel der WM gezeigt haben, war zum Hinknien. Sie haben nicht nur einen wiederholten Elfmeter verwandelt – im anderen Stil, diesmal knallhart und kaltblütig in die gleiche Ecke –, sondern köpften auch die erneute Führung.

Mit Ihren nass nach hinten frisierten Haaren, den Geheimratsecken, den blonden Haaren, blauen Augen, den asketischen Gesichtszügen sehen Sie aus wie einer der deutschen Weltmeister von 1954, wie «Aussenläufer» Horst Eckel. Denn Sie brillierten nicht nur spielerisch, sondern Sie schufteten. Sie arbeiteten hinten, verhinderten ein Gegentor auf der Linie.

Übrigens: Man konnte die taktischen Vorgaben auf dem Feld buchstäblich nachzeichnen, die kleinen Rauten und Dreiecke, die Dreier- und Viererketten, die der deutsche Thomas Tuchel mit dem Team eingeübt hatte. Das Ergebnis: eine Art kontrollierter Explosion. Tatsächlich wäre nach dem Turnierplan ein Finale zwischen Deutschland und England möglich. Erneut stünde eine Revanche für die deutsche Niederlage in Wembley 1966 an, die mich, damals zwölfjährige Offensivkraft im Mittelfeld im Internat, weinend an einer göttlichen Gerechtigkeit zweifeln liess. Eine sechzigjährige Wunde könnte sich im Falle eines Sieges schliessen. Und sollte es tatsächlich erneut zu einem Zusammentreffen kommen, diesmal unter den Bedingungen des Hochgeschwindigkeitsfussballs – die gemächlichen Bilder von 1966 muten an wie die einer anderen Sportart –, könnte ich mich damit trösten, dass es ein deutscher Trainer war, der einen englischen – und diesmal einwandfreien – Triumph ermöglichte.

Sechzig Jahre sind seit Wembley vergangen. Nun wären die Engländer, die den Fussball schliesslich aus der Taufe hoben, durchaus wieder an der Reihe. Das sage ich jetzt, im Zustand heiterer Altersgelassenheit.

Allerdings könnte es durchaus sein, Harry Kane, dass ich Sie dann verfluche wegen Ihres wahrscheinlichen Siegtreffers.

Mit freundlichen Grüssen

Matthias Matussek

Quelle: Weltwoche



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