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Matthias Matussek: „Ich bin ein Kontroversialist“

Der Publizist und Feuilletonist Matthias Matussek war am Montag Gast des Vereins Deutsche Sprache Bremen. Im Interview spricht er über sein Selbstverständnis und „Neusprech“ in den Medien.


Herr Matussek, wahlweise werden Sie als bekennender Konservativer, als neuer Rechter, als Grenzgänger, Radikaler oder als Galionsfigur der AfD beschrieben. Was passt Ihnen am besten?

Matthias Matussek: Mir liegen seit jeher drei große Themen am Herzen: Familie, Glaube und Nation – die großen Verankerungen, die uns in der Globalisierung aus den Krampen gehauen werden. Schon damit war ich konservativ. Ich habe in meinem Deutschland- Buch 2006 für einen progressiven Patriotismus plädiert. Damals habe ich dafür großen Beifall bekommen, heute sind die gleichen Positionen tabu, wenn nicht rechts.

Beleidigt es Sie, als Rechter bezeichnet zu ­werden?

Inzwischen mache ich mir darüber keine Gedanken mehr. Ich sage mir: Rechts ist das neue Links. Es ist spannender, intellektuell, anregender. Gehlen ist heute spannender als Adorno, Gottfried Benn einfach besser als Durs Grünbein. Die Leute sollen mich einordnen, wie sie wollen.

Das Unbehagen, als Rechter abgestempelt zu werden, beschreibt das, was Sie beklagen: eine wachsende Intoleranz gegenüber Ansichten, die von der eigenen abweichen. Sie reden von „eingeengten Meinungskorridoren“.

Ich wollte mal mit einem Freund eine AfD-Wahl-Veranstaltung besuchen – wir mussten polizeilich geschützt werden vor höchst aggressiven sogenannten Antifaschisten mit Nasenringen. Man kann die AfD aus tiefstem Herzen ablehnen, aber sie ist demokratisch legitimiert. Ihre Mitglieder haben das Recht, ihre Meinung zu äußern, und Interessierte haben das Recht, ihnen zuzuhören, um sich selbst eine eigene Meinung zu bilden.

Sie treten selbst bei AfD-Veranstaltungen auf, damit machen Sie sich eins mit einer Partei, die demokratisch legitimiert ist, aber ganz bewusst an den Grenzen der Meinungsfreiheit entlang schrammt und damit Stimmungen schürt. Das trägt ganz gewiss nicht zu einer besonnenen Meinungsbildung bei, wie auch immer sie ausfallen könnte.

Ich achte sehr genau darauf, eine Distanz zur AfD zu halten. Ich bin nicht Mitglied der Partei und will es auch nicht werden. Ich bin stolz auf meine Unabhängigkeit. Ich nehme nicht jede Einladung an, aber ich verteufele die AfD nicht, nur weil sie nicht die Meinung des Mainstreams vertritt. Für mich sind auch nicht alle AfD-Mitglieder automatisch Nazis. Die Linke muss sich den Nazi-Popanz immer neu aufbauen, deshalb erweitert sie ständig den Kreis derer, die sie so nennen.

Sie sind ein bekannter deutscher Intellektueller, waren einer der großen Namen beim „Spiegel“ und der „Welt“. Ihre Texte haben viel Beachtung gefunden. Inzwischen gelten Sie als eine Art Enfant terrible, das auf einen schrecklichen Irrweg geraten ist.

Das mag man so sehen, weil ich nicht mit den Wölfen heulen will. Ich gälte sicher immer noch als toller Journalist, wenn ich dem, was als links gilt, das Wort reden würde.

Es kommt vermutlich auch darauf an, wie Sie das täten. Tatsächlich könnte man meinen, Sie sind grundsätzlich auf Krawall gebürstet, schockierten und provozierten ganz bewusst, um sich sozusagen austoben können. Ist da was dran?

Das kann ich nicht abstreiten. Wenn alle in die gleiche Richtung laufen, kriege ich ganz schwere Füße. Ich bin ein Kontroversialist. Ich glaube, dass die Kontroverse die Gedanken klärt und den Verstand schärft. Ich hätte nichts dagegen, mich Gesprächen mit meinen größten Kritikern zu stellen. Sicher, ich teile aus, aber ich muss auch allerhand einstecken.

Offenbar will man Ihnen keine Plattform bieten. Ihre Texte erscheinen in der „Weltwoche“ und der „Jungen Freiheit“, die als rechtskonservativ gelten. Ihr jüngstes Buch „White Rabbit“ wurde in einem eher unbekannten Verlag veröffentlicht. Das „Hamburger Abendblatt“ betitelte ein Interview mit der Frage: „Was ist nur aus Ihnen geworden, Herr Matussek?“ Haben Sie diese Entwicklung nie bereut?

Nun, mein Buch ist im Münchner Finanz-Buchverlag erschienen, einem Schwergewicht der Branche, das derzeit den neuen Sarrazin im Angebot hat. Aber ich bin immer noch derselbe Journalist und Erzähler, der ich vorher war, nur hat sich die Verlagslandschaft verändert. Für die Überschrift „Was ist nur aus Ihnen geworden“ hat sich der stellvertretende Chefredakteur, der das Interview mit mir sehr fair geführt hat, später entschuldigt – sie ist in seiner Abwesenheit gebastelt worden. So ist die Lage. Rechts ist pfui, das saugen junge Journalisten mit der Muttermilch auf.

Sie teilen tatsächlich mitunter kräftig aus, werden – gegenüber Kollegen – ziemlich beleidigend und spitzen Ihre Ansichten sehr zu. In einem langen Porträt über Sie in der „Zeit“ war zu lesen, dass Sie sprachlich eher die Keule als das Florett wählten, weil Sie nichts mehr bräuchten als Beachtung, selbst wenn sie negativ ist.

Zeigen Sie mir den Journalisten, der keine Beachtung will. Vor allem im derzeitigen Großklima scheint es mir außerordentlich wichtig, die Stimme zu erheben. Wenn zum Beispiel zum Migrationspakt verpflichtend vorgegeben wird, dass positiv über Migration zu berichten sei, sind wir der Orwellschen Kontrollvorgabe schon sehr nahe. Dagegen muss jeder Journalist, der seinen Beruf noch ernst meint, auf die Barrikade steigen.

Ist sich rauszuhalten und in aller Ruhe Romane zu schreiben für Sie keine Option?

Mein letztes Buch war ja eine Weihnachtsnovelle. Aber die Zeiten sind nicht danach. Sicher, es ist nicht schön, wenn einem Türen vor der Nase zugeschlagen werden, die jahrelang offenstanden, aber dafür haben sich neue geöffnet.

Wenn Sie Ihre Stimme erheben müssen, wäre es nicht an der Zeit, zu vermitteln, statt die Gräben zu vertiefen?

Der Essayist Gilbert Chesterton, Held meines Buches, hat sich brillante spektakuläre Redeschlachten mit seinem Gegner George Bernhard Shaw geliefert, und dennoch waren sie Freunde. Adorno und Gehlen, die Antipoden der 68er-Bewegung, mit denen ich mich gerade beschäftige, haben im TV voller Anstand und Hochachtung voreinander diskutiert. Aber in einem Totschlag-Klima, in dem jeder Kritiker an der Regierungspolitik als „Nazi“ etikettiert und mithilfe der Antifa zum Abschuss freigegeben wird, verstummt der Dialog. Ich bin nicht bereit, inhaltlich zurückzurudern, nur um des lieben Friedens willen.

Sie waren am Montag beim Verein Deutsche Sprache Bremen zu Gast, um über „Das politische korrekte Neusprech in Politik und Medien“ zu reden. Was meinen Sie damit?

So ungern ich mich blind der Masse anschließe, so wenig möchte ich mir vorschreiben lassen, wie ich mich auszudrücken habe, ob man es als politisch korrekt bezeichnet oder nicht. Ich wehre mich gegen geschlechtergerechte Sprache. Beispiel: „Eltern und Elterinnen“ oder das Binnen-I mit Sternchen wie in Bürger*Innen. Feministische Pastorinnen haben bereits den „Allmächtigen“ in die „Allmächtige“ verwandelt, und das im größten deutschen Sprachkunstwerk, Luthers Bibel- Übersetzung. Ich bin der Meinung, dass nicht nur Bier, sondern auch die Sprache einem Reinheitsgebot unterliegen sollte. Wir kommen aus einem langen kulturellen Atem. Chesterton hat mal formuliert, Tradition sei die Demokratie der Toten. Das ist ein wunderbarer und kluger Satz, dem ich mich nur anschließen kann. Wir haben Verpflichtungen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Quelle: https://www.weser-kurier.de/deutschland-welt/deutschland-welt-politik_artikel,-matthias-matussek-ich-bin-ein-kontroversialist-_arid,1783819.html