Wie lässt sich im öffentlichen Raum über den Glauben reden in dieesen Zeiten, wie lässt sich über die Kirche reden, ohne dass es verrutscht?
Natürlich haben Kirchenvetreter Unrecht begangen, diejenigen, die sich an ihren Schutzbefohlenen vergriffen haben, und auch diejenigen, die solche Handlungen vertuscht haben. Wie selbstverständlich ist es also, zu sagen: wir müssen dafür uns entschuldigen, und zwar die ganze Kirche.
Ich habe darauf hingewiesen, dass genau das geschehen ist: In den Karfreitagsfürbitten, also im innersten Kern der Lithurgie am heiligsten Tag des Kirchenkalenders. Alle knieten sich da hin. Sicher hätte sich auch der Papst Ostern dazu äußern sollen, und ich war darüber enttäuscht, dass er es nicht tat.
Aber man kann die Katholische Weltkirche nicht auf das Problem des Missbrauchs reduzieren.
Ich habe die Weltkirche kennengelernt, in Brasilien, in New York, in London, wo ich als Korrespondent gearbeitet haben. Starke Gemeinden, glühende Gemeinden. Da draußen gibt gibt es andere Probleme als in übersatten Komfortgesellschaften wie bei uns: Armut, brennende Ungerechtigkeit, Krankheit, Tod. Überall sind katholische Priester im Einsatz. Sie begleiten die Sterbende, sie helfen den Pennälern, sie trösten die Einsamen.
Und dann sitzt Du da und hörst Dir an: Die Kirche ist voller Päderasten. Der Zölibat zieht Perverse an. Die Kirche besteht zu vierzig Prozent aus Schwulen. Der Mann an der Spitze trägt Frauenkleider. Und Du kannst das erst mal nicht fassen.
Noch einmal: Ich glaube nicht daran, dass es einen Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie gibt, und ich kenne keinen Fachmann, der das behauptet.
Ich glaube im Gegenteil, dass der Zölibat diese Verbrechen eher verhindert, weil er eine zusätzliche moralische Sperre aufrichtet. Es ist viel eher die kirchenfeinliche Partei der Gegenseite, die humanistische Union, der Grünen-Politikerinnen wie Claudia Roth und Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberg angehören, die noch in den 80-er Jahren umstandsfreien Sex mit 12-Jährigen propagierte. Es ist gewaltig viel Verlogenheit im Raum, und jeder eifernde Idiot, der schon immer gerne auf der Kirche herumtrampeln wollte, darf es nun unbefangen tun.
Die Frage um das Zölibat ist schwierig und auch für mich noch nicht restlos beantwortet. Das Zölibat, machen wir uns nichts vor, ist eines der letzten Alleinstellungsmerkmale des Katholizismus im vergleich zum Protestantismus. Ich sehe im Zölibat eine Aufwertung des Priestertums, ein unalltägliches Opfer, eine imponierenden Einspruch gegen die Kultur der schrankenlosen Bedürfnisbefriedigung.
Auf der anderen Seite sehe ich, dass es über kurz oder lang nicht zu halten ist. Ich glaube aber, dass es über dieser Frage zur Kirchenspaltung kommen wird. Das Zölibat wird fallen, die Traditionalisten werden sich abspalten, und der Rest treibt in Richtung Protestantismus und Lindenstraße davon. Und selbstverständlich wird es dort auch Priesterinnen geben, Klampfen-Gottesdienste, Rockertrauungen und Kegelausflüge mit Gebets-Picknick, und alle werden die katholische Kirche endlich da haben, wo sie sie haben wollten: im bequemen, harmlosen Freizeit-Nichts.
Lesen Sie dazu auch noch meinen Artikel auf SPIEGEL Online vom 27. März 2010 mit dem Titel “Warum ich nicht austreten kann”.




