Klassiker
Erschienen in SPIEGEL Ausgabe 35 / 2009

In seinem neuen Buch “Goethe und Schiller” beschreibt Rüdiger Safranski die einzigartige Freundschaft dieser ungleichen Männer – und ihr großes, gemeinsames Projekt, das immer noch auf seine Vollendung wartet: die ästhetische Erziehung des Menschen.
Die Allergrößten sind sie nicht mehr, hier auf dem Vorplatz vor dem Deutschen Nationaltheater in Weimar. Das betriebige Kaufhaus nebenan mit der modernen Glasschürze überragt sie maßlos. Doch wer vor den beiden stehenbleibt und zu ihnen aufschaut, hat Zeit, viel Zeit.
Sie wirken wie Verschwörer, Schulter an Schulter zwischen all den krempelschleppenden Menschen. Der eine, Goethe, hält den Dichter-Lorbeer, der andere, Schiller, der in diesem Jahr seinen 250. Geburtstag feiert, schwenkt eine Schriftrolle, die die Erklärung der Menschenrechte enthalten könnte.
Gemeinsam wirken sie wie eine Beschwörung, die tief in die Vergangenheit reicht und weit hinaus in die Zukunft. Sie hatten ein antikes Menschenideal im Sinn, und sie haben früh formuliert, was auf dem Weg in die Moderne verlorengehen wird.
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Erschienen in SPIEGEL Ausgabe 36 / 2007

Sie idealisierten die Natur. Sie wollten die Menschen durch Kunst erlösen, die grenzenlose Freiheit leben – und das lange vor den 68ern! Jetzt werden die Romantiker mit ihren Rebellionsgesten gegen eine ausgenüchterte Welt wiederentdeckt.
“Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.”
Joseph von Eichendorff (1788 bis 1857)
Vielleicht war das Thema “Die deutsche Romantik” gar nicht zu vermeiden nach diesem schwarzrot-goldenen Summer of Love, dem WM-Sommer mit seinem fröhlichen patriotischen Aufruhr. Schließlich ist Patriotismus eine romantische Erfindung. Doch es geht darüber hinaus. “Romantik”, das neue Buch des Philosophie-Erzählers Rüdiger Safranski, bespielt einen weit größeren Resonanzraum**.
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Erschienen in SPIEGEL Ausgabe 21 / 2007

Romy Schneider war die schönste und zerbrechlichste Diva des deutschen Kinos, doch die Deutschen konnten zunehmend wenig mit ihr anfangen. Nun wird sie, zu ihrem 25. Todestag, in Wiedergutmachungen gefeiert, eine Frau, die ihrer größten Obsession erlag: der Kamera.
Unter den hundert Gräbern des Dorffriedhofs von Boissy Sans Avoir ist dieses eines der schlichteren. Eine graue Grabplatte. Die Frau, die hier vor einem Vierteljahrhundert beerdigt wurde, war 43. Ein Jahr vor ihrem Tod war ihr Sohn tödlich verunglückt. Sie starb mittellos.
Viele der Gräber hier könnten ähnliche Geschichten erzählen. Dieses unterscheidet sich von den anderen durch die frischen Blumen. Und dadurch, dass der Klang des Namens auf dem Grab überall in der Welt diese goldene Wolke an Wahnsinn aufstäuben lässt. Keine sonst, die diese Verzücktheiten und Irritationen erzeugt, keine dieses Leuchten: Romy, ein zärtlicher Klang.
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Erschienen in SPIEGEL Ausgabe 28 / 2006

SPIEGEL-Redakteur Matthias Matussek über Gottfried Benn
Dieser Sound war tatsächlich unverwechselbar, und er mischte sich in das, was man so hörte damals, Soft Machine oder das “Weiße Album” der Beatles, doch das hier war eindeutig ungemütlicher. Es begann mit Schlagzeug, ein paar Synkopen, Bassläufen, dann die Stimme, schräg hinausbellend: “Ein ersoffener Bierfahrer wurde auf den Tisch gestemmt. Irgendeiner hatte ihm eine dunkelhellila Aster zwischen die Zähne geklemmt …”
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Erschienen in SPIEGEL Ausgabe 7 / 2006

Den Rechten war er zu links, den Linken zu rechts. Den Nationalisten galt er als Vaterlandsverräter, den Intellektuellen als trivial. Im neuen vereinten Deutschland, zu seinem 150. Todestag, ist der geniale Dichter und Journalist Heinrich Heine endlich angekommen.
Früher war er verbotene Schmuggelware, jetzt ist er reif für Fernsehgalas: Heinrich Heine hat so sehr gewonnen, dass er nicht mehr auffällt, gerade da, wo er als fragwürdig gilt, also als witzig, blasphemisch, sentimental, niederträchtig. Jeder zweite Werbeslogan lässt sich auf seine Tricks zurückführen.
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Erschienen in SPIEGEL Ausgabe 38 / 2004

Alexander von Humboldt war Naturforscher und Universalgelehrter – und der prominenteste Weltbürger seiner Zeit. 200 Jahre nach seiner legendären Amerikareise wird er jetzt mit Buchausgaben und Festakten als Vorbild-Deutscher gefeiert.
Als Alexander von Humboldt vor genau 200 Jahren, nach fünfjähriger Amerikareise, europäisches Festland betrat, wurde er bejubelt wie ein Wiederauferstandener. Bereits mehrfach hatten ihn Zeitungen für tot erklärt. Pariser Blätter behaupteten, er sei von den Indianern Nordamerikas getötet worden, der “Hamburger Korrespondent” meldete, er sei in Acapulco am Gelbfieber gestorben.
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