Migrationspolitik und politische Kultur in Deutschland
Schon jetzt kann festgestellt werden: kaum ein politisches Sachbuch hat seit Ende der 40er Jahre soviel Diskussionen ausgelöst wie Thilo Sarrazins “Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aus Spiel setzen.” Am Freitag, den 10.9. werden der Autor, der Journalist Matthias Matussek und der Fernsehproduzent Walid Nakschbandi in der Berliner “Urania” über Alternativen der Migrationspolitik und über die Diskussionskultur und politische Kultur in Deutschland sprechen, die mit dem Diskurs über das Buch eine Zäsur erfährt. Die Moderation führt Christhard Läpple.
Sep 05 2010
Sarrazin-Veranstaltung
Sep 04 2010
Die Gegenwut
Längst ist der Fall Sarrazin über Sarrazin hinaus. Viel größer als der Mann oder das Buch. Im Fall Sarrazin geht es um den Fall Merkel, um den Fall SPD, um das politische und publizistische Establishment in Deutschland. Sarrazin ist zur Chiffre geworden für die Empörung darüber, wie das juste milieu der Konsensgesellschaft den Saalschutz losschickt, um einen verstörenden Zwischenrufer nach draußen zu eskortieren. Und ihm auf dem Weg nach draußen zuzischelt: „Wir werden Dir Toleranz schon noch einbimsen.“
Er ist nicht telegen. Er verheddert sich in Statistiken. Er vergreift sich im Stil. Er steht ziemlich struppig in den Infotainment-Talkshows unserer Spaßgesellschaft herum. Er rutscht aus auf den bekannten Bananenschalen der politischen Korrektheit, mit durchaus abenteuerlichen biologischen Veknappungen. Aber seine Befunde zur mißglückten Integration der türkischen und arabischen Immigranten sind über jeden Zweifel erhaben.
Sarrazin wird aus dem Bundesbank-Vorstand verstoßen. Sarrazin soll aus der SPD ausgeschlossen werden. Sarrazin wird aus bereits gebuchten Veranstaltungen ausgeladen. Die Feuilletonisten von „Zeit“ rufen igitt und die bei der „FAZ“ verdammen bei Sarrazin besonders jene anstößigen Passagen, die er nicht geschrieben hat, aber eigentlich hätte schreiben wollen, und die also erst mühsam konstruiert werden mußten, was sicher eine Heidenarbeit war.
Was all die Ausgrenzungstechniker nicht begreifen, ist, daß sich das, was Sarrazin verkörpert, nicht ausgrenzen lässt.
Es ist die Wut von Leuten, die es satt haben, das Mittelalter in ihre Gesellschaft, die einen langen und mühevollen Prozeß der Aufklärung hinter sich hat, zurückkehren zu sehen.
Die die Einschüchterungskulissen des Islam satt haben.
Die es satt haben, für ihre Angebote an Eingliederungshilfen beschimpft und ausgelacht zu werden.
Die es satt haben, über terrornahe islamistische Vereine zu lesen, über Ehrenmorde, über Morddrohungen gegen Karikaturisten und Filmemacher oder zu hören, daß auf Hauptschulhöfen „du Christ!“ als Schimpfwort benutzt wird.
Die wütend zur Kenntnis nehmen lesen, daß sich westliche Staatsmänner für Frauen in islamischen Ländern einsetzen müssen, weil sie dort als Ehebrecherinnen gesteinigt werden sollen.
Merkwürdigerweise aber sind nun die bei uns lebenden türkischen Mitbürger – und in der SZ am Wochenende werden acht junge vorgestellt – nicht darüber empört, sondern über Sarrazins Buch.
Sollten die Repräsentanten geglückter türkischert Vorzeige-Biografien nicht einwirken auf ihre Landsleute und Milieus, damit der Koran endlich jenes Gesicht von Sanftmut und Nächstenliebe zeigt, das er angeblich haben soll?
Sollten sie nicht ausnahmsweise einmal Sensibilität einfordern bei ihren eigenen Glaubensgenossen, die etwa ausgerechnet am Ground Zero in New York eine Moschee errichten wollen und ein Zentrum für Islam-Studien – ausgerechnet da also, wo im Namen des Islam eines der schlimmsten Verbrechen der Neuzeit geschah?
Und noch mal zurück: Sollten sie nicht zum Beispiel auf den Migrationsrat einwirken, der soeben erfolgreich gegen einen Auftritt Sarrazins während Internationalen Literaturfestivals in Berlin aktiv wurde? Bernd Scherer, der Chef des „Hauses der Kulturen der Welt“ hat sich dem Druck gebeugt und die Veranstaltung abgesagt.
Sie findet nun am kommenden Freitag, den 10.9.2010 um 19h30 in der Urania statt.
Ich werde teilnehmen, dazu der Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky sowie der Medienunternehmer Walid Nakschbandi. Moderiert wird die Sache von einem Kollegen aus der „aspekte“-Redaktion.
Jul 20 2010
Matussek trifft: 22. Juli 23.00 Uhr im SWR
Ob Künstler, Filmemacher, Schriftsteller oder Schauspieler – Matthias Matussek will sie treffen – da, wo sie arbeiten, und mittendrin im kreativen Prozess. Wer schreibt gerade was, wer dreht wo einen Film, wer erhält wofür einen bedeutenden Preis? In dieser Folge begegnet Matthias Matussek der Schauspielerin Martina Gedeck am Set, bei den Dreharbeiten zu ihrem neuesten Film “Bastard” und dem Schauspieler und Filmkenner Hanns Zischler im Tonstudio, wo er die gesamten Tagebücher von Thomas Mann als Hörbuch einspricht. Außerdem trifft Matussek Michael Krüger, Verleger und Schriftsteller, der im September für sein schriftstellerisches Werk den hochdotierten Joseph-Breitbach-Preis bekommen wird und unternimmt einen Atelierbesuch bei Markus Lüpertz, der gerade eine riesige Skulptur bemalt und dabei überzeugend erläutert, dass er als bildender Künstler in einer zweiten Renaissance lebt. (zero one film, Produktionsfirma)
Hier die Aufzeichnung
Jul 15 2010
Bad Driburg
Über 250 Gäste verfolgten Rüdiger Safranskis Geisterbeschwörung der Weimarer Klassik – später unterhielt ich mich mit ihm über sein Buch “Goethe und Schiller – Geschichte einer Freundschaft” – und über die Vermessenheit ihres Projekts: die ästhetische Erziehung der Deutschen.
Hier noch ein Interview mit mir am Rande der Veranstaltung
Jun 22 2010
Neue Aufgabe
Natürlich bin ich bereit, Verantwortung fürs Vaterland zu übernehmen, meinetwegen auch als Pressesprecher einer Übergangsjunta – da hat die “taz” völlig recht. Zum Artikel
Jun 18 2010
Leistungsfach: Schuldenakrobatik
Hanns Zischler liest Texte von Johann Wolfgang von Goethe,
Matthias Matussek und Hanns Zischler sprechen mit Manfred Osten
über Goethe und das Geld. Hier zum nachlesen
Jun 07 2010
Beitrag in der “B.Z.”
Am Montag, den 31.Mai, trat Bundespräsident Horst Köhler zurück. Hier mein Rückblick auf das folgende Staatstheater in der “BZ”.Hier der Artikel
Mai 28 2010
Interview mit “The European”
Mit den Kollegen vom “The European” habe ich ein ausführliches Gespräch über die neuen Medien und den deutschen Meinungsjournalismus geführt. Das gesamte Interview ist hier.
Apr 14 2010
Nachlese zu Anne Will
Die Heftigkeit unserer TV-Diskussion ist in der Intensität der Mails, die mich erreicht haben, gespiegelt worden, sowohl hier, wie auf facebook, wie privat. Warum ist das so? Weil es nichts Persönlicheres als den Glauben gibt. Hier ist jeder wund.
Für die vielen aufmunternden mails bedanke ich mich. Die Schmäh-mails muß ich wohl ertragen. Wer seinen Kopf rausstreckt, riskiert Watschen, das war mir klar. Bisweilen habe ich Fans verprellt. Eine Frau schrieb mir, dass sie mich immer als Zyniker geschätzt habe – und nun das! Tja. Augstein sagte mal, dass jeder Zyniker ein enttäuschter Idealist ist.
Ich hätte mich sicher TV-geschmeidiger verkaufen können, aber dann hätte ich verraten, wovon ich im Innersten überzeugt bin.
Mittlerweile hat sich viel getan. Der Vatikan hat noch einmal kompromisslos klargestellt, dass von nun an alle Mißbrauchsdelikte unverzüglich an die Staatsanwaltschaft weitergereicht werden – eine notwendige Klarstellung.
Der neue Chef des Berliner Canisius-Kollegs Pater Klaus Mertes SJ ist, ebenfalls mit Recht, öffentlich mit den Instinktlosigkeiten von Bischof Mixa und anderen ins Gericht gegangen. Es tut sich was in der katholischen Kirche. Das chinesische Zeichen für „Krise“ ist das gleiche wie das für „Neuanfang“. Ich glaube, daß in der jetzigen Situation auch eine große Chance liegt.
Und dann wird die Sicht wieder frei werden auf das, was Kirche eigentlich ausmacht: Das schönste Angebot, das sich denken läßt. Glauben, Solidarität, Trost, Hilfe, Lebenszuversicht. Und einen Einspruch gegen eine Gesellschaft, die durchsetzt ist von Habgier, Egoismus, Neid, billiger Befriedigung, und immer weiter auseinanderfällt.
Nach diesem Wort zum Sonntag nun eines zum Freitag: Da bin ich in der Talksendung „III nach 9“. Mit dabei ist Volker Schlöndorff, der den Internatsfilm „Der junge Törless“ gedreht hat als er 27 Jahre alt war, ein Meisterwerk, das den Neuen Deutschen Film auf die Landkarte gesetzt hat.
Wird sicher eine spannende Diskussion!
Apr 12 2010
Zur Diskussionsrunde bei Anne Will
Wie lässt sich im öffentlichen Raum über den Glauben reden in dieesen Zeiten, wie lässt sich über die Kirche reden, ohne dass es verrutscht?
Natürlich haben Kirchenvetreter Unrecht begangen, diejenigen, die sich an ihren Schutzbefohlenen vergriffen haben, und auch diejenigen, die solche Handlungen vertuscht haben. Wie selbstverständlich ist es also, zu sagen: wir müssen dafür uns entschuldigen, und zwar die ganze Kirche.
Ich habe darauf hingewiesen, dass genau das geschehen ist: In den Karfreitagsfürbitten, also im innersten Kern der Lithurgie am heiligsten Tag des Kirchenkalenders. Alle knieten sich da hin. Sicher hätte sich auch der Papst Ostern dazu äußern sollen, und ich war darüber enttäuscht, dass er es nicht tat.
Aber man kann die Katholische Weltkirche nicht auf das Problem des Missbrauchs reduzieren.
Ich habe die Weltkirche kennengelernt, in Brasilien, in New York, in London, wo ich als Korrespondent gearbeitet haben. Starke Gemeinden, glühende Gemeinden. Da draußen gibt gibt es andere Probleme als in übersatten Komfortgesellschaften wie bei uns: Armut, brennende Ungerechtigkeit, Krankheit, Tod. Überall sind katholische Priester im Einsatz. Sie begleiten die Sterbende, sie helfen den Pennälern, sie trösten die Einsamen.
Und dann sitzt Du da und hörst Dir an: Die Kirche ist voller Päderasten. Der Zölibat zieht Perverse an. Die Kirche besteht zu vierzig Prozent aus Schwulen. Der Mann an der Spitze trägt Frauenkleider. Und Du kannst das erst mal nicht fassen.
Noch einmal: Ich glaube nicht daran, dass es einen Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie gibt, und ich kenne keinen Fachmann, der das behauptet.
Ich glaube im Gegenteil, dass der Zölibat diese Verbrechen eher verhindert, weil er eine zusätzliche moralische Sperre aufrichtet. Es ist viel eher die kirchenfeinliche Partei der Gegenseite, die humanistische Union, der Grünen-Politikerinnen wie Claudia Roth und Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberg angehören, die noch in den 80-er Jahren umstandsfreien Sex mit 12-Jährigen propagierte. Es ist gewaltig viel Verlogenheit im Raum, und jeder eifernde Idiot, der schon immer gerne auf der Kirche herumtrampeln wollte, darf es nun unbefangen tun.
Die Frage um das Zölibat ist schwierig und auch für mich noch nicht restlos beantwortet. Das Zölibat, machen wir uns nichts vor, ist eines der letzten Alleinstellungsmerkmale des Katholizismus im vergleich zum Protestantismus. Ich sehe im Zölibat eine Aufwertung des Priestertums, ein unalltägliches Opfer, eine imponierenden Einspruch gegen die Kultur der schrankenlosen Bedürfnisbefriedigung.
Auf der anderen Seite sehe ich, dass es über kurz oder lang nicht zu halten ist. Ich glaube aber, dass es über dieser Frage zur Kirchenspaltung kommen wird. Das Zölibat wird fallen, die Traditionalisten werden sich abspalten, und der Rest treibt in Richtung Protestantismus und Lindenstraße davon. Und selbstverständlich wird es dort auch Priesterinnen geben, Klampfen-Gottesdienste, Rockertrauungen und Kegelausflüge mit Gebets-Picknick, und alle werden die katholische Kirche endlich da haben, wo sie sie haben wollten: im bequemen, harmlosen Freizeit-Nichts.
Lesen Sie dazu auch noch meinen Artikel auf SPIEGEL Online vom 27. März 2010 mit dem Titel “Warum ich nicht austreten kann”.
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