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Erschienen auf SPIEGEL Online am 10. April 2012



Er war der genialste Mann der zweiten Reihe. Er war ein feiner, ein kultivierter Theoretiker.
Und er war zugleich der Geburtshelfer des oft so verhassten Regietheaters mit all seinen
Abgründen. Jetzt ist der große Ivan Nagel im Alter von 80 Jahren verstorben.

Dass Ivan Nagel das biblische Alter von 80 Jahren erreichen würde, hätten selbst enge Freunde wohl nicht für möglich gehalten. Er war der kultivierteste aller Gesprächspartner, aber er war von fragiler Gesundheit und er lebte riskant. Er war gleichermaßen zu Hause in den Elfenbeintürmen des Geistes wie in der demimonde der Kunst.

Ich traf ihn in den achtziger Jahren in Stuttgart in seinem Intendantenzimmer, er hatte gerade das Schauspiel übernommen. Kaffee und Zucker aus einem Silber-Set. Ein Ästhet. Er begutachtete die neuen Plakate. Er war von einer völlig überrumpelnden Verhaltenheit und Freundlichkeit.
Mir war klar: Ich sprach mit einer Legende, mit dem genialsten Mann der zweiten Reihe, den das deutsche Theater zu bieten hatte. Und er wusste es. Kahlköpfig, lächelnd, höflich und von einschüchternder Belesenheit. Wenn er über seinen Spielplan sprach, über Molière oder Shakespeare, konnte man druckreife Mini-Essays erwarten, intellektuelle Sprengsätze, die auf seinen Bühnen gezündet werden sollten.

Er stammte aus Budapest, aus einer jüdischen Industriellenfamilie, die während der Nazizeit untertauchen musste. Als die Kommunisten übernahmen, floh die Familie in den Westen. Er studierte in Heidelberg und Paris und landete bei Adorno in Frankfurt, der ihn prägte wie viele damals, und der verhinderte, dass Nagel als “unerwünschter Asylant” abgeschoben wurde.

Der Intellektuelle als Handwerker

Was hat dieser Ivan Nagel nicht alles angezettelt! Er holte den jungen Peter Stein nach München zu Kortner, bei dem er sein Wissen über das Handwerk erwarb. Später, in den Siebzigern, machte er das Hamburger Schauspielhaus zur Startrampe des Neuen Theaters. Mit Luc Bondy und Jérôme Savary und Giorgio Strehler, dann aber vor allem mit Peter Zadeks abenteuerlichen Erkundungen.

Jawohl, ausgerechnet dieser feine, kultivierte Theoretiker war Geburtshelfer des wüstesten Regietheaters mit all seinen Aufregungen und Abgründen und Monstern. Auch Castorf ist eine seiner Entdeckungen.

Er war neugierig und blieb neugierig, auch als Schriftsteller und Publizist. Er war für die “FAZ” als Kulturkorrespondent in New York, und schrieb anschließend mit “Autonomie und Gnade” eines der geistreichsten Bücher über Mozarts Opern. Er war ein Genie der kreativen Organisation; der Künstler als Manager, der Intellektuelle als Handwerker. Mit diesen in Deutschland raren Mehrfachbegabungen organisierte er Theaterfestivals oder die Salzburger Festspiele mit brillantem Erfolg.

Und so, leise und höflich und gebildet, wurde er einer der einflussreichsten Theatermenschen der Republik. Und als nach der Wende die Berliner Theaterlandschaft neu organisiert werden musste, war er es, der mit der Arbeit betraut wurde.
Ich habe selten einen höflicheren, und verständigeren Mann übers Theater sprechen hören als Ivan Nagel. Natürlich fehlt er. Jetzt sitzt er im Himmel und erinnert sich mit Peter Zadek und Uli Wildgruber an die tollen siebziger Jahre, und wird sich hoffentlich gönnen, über die Pfeffersäcke zu lästern, die ihn damals hinausgegrault haben.

Damals, als die Bühnen zu fliegen begannen und Theater die wichtigste Sache der Welt war.

2 Kommentare zu „Der Vater des Monsters“

  • Erstaunlich, dass es in Deutschland noch so überzeugte Christen gibt :)

  • Denosen:

    Seit MM`s Papst-Fanreise, welche – ebenso wie seine Aktuellen Artikel auf SPON – nichts mit Journalismus zu tun haben, lese ich seine Beiträge eigentlich nicht mehr. Ich weiß nicht was sich MM dabei denkt seiner Religion einen so hohen Stellenwert einzuräumen, dass er der Meinung ist die SPON-Leserschaft damit “belästigen” zu müssen.
    Meiner Meinung nach gehört so etwas nicht in ein seriöses Blatt, eher in die BILD.
    Grüße,
    Denosen

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