Erschienen in SPIEGEL Ausgabe 40/2011

SP1022

Literaturkritik: Umberto Ecos ausufernder Roman “Der Friedhof in Prag”

Was für eine Oper des Hasses, die Umberto Eco mit seiner Belle-Époque-Schwarte “Der Friedhof in Prag” da angerichtet hat. Ein Libretto aus Gift und Galle, aus Hass auf alles, was sich bewegt, auf die unverschämten Zigeuner, die treulosen Italiener, auf die Deutschen, verfressen und lüstern wie Luther, die bekanntermaßen doppelt so viel Fäkalien produzieren wie die Franzosen, und die, na klar, sind faul, eifersüchtig, maßlos eingebildet.

Eco, 79, muss sich amüsiert haben in dieser Kloake, die so gar nicht dem europäischen Geist entspricht, aber wir sind ja auch in Europas Steinzeit vor den Blutbädern. Und Eco platziert seinen Helden tatsächlich in einer Wohnung über einer Kloake, in der bisweilen Leichen verschwinden.

Wir beugen uns über die Schultern des fettleibigen Hauptmanns Simonini, der sein Leben niederschreibt und seinem Tagebuch die wundervollsten Rezepte aus den Pariser Restaurants anvertraut, aber in erster Linie doch und lustvoller noch die Rezepturen seines Hasses.

Die Priester. Man müsste alle erschlagen mit den Steinen ihrer Kirchen. Am schlimmsten sind die Jesuiten. Freimaurer und Jesuiten. Die Jesuiten sind Freimaurer in Frauenkleidern. Apropos: “Ich hasse die Frauen, nach dem wenigen, was ich von ihnen weiß.” Er war als Junge mal bei einer abgeblitzt. Mit anderen Worten: Es geht bei ihm zu wie in Breiviks Kopf. Nur geistreicher.

Diese letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts sind paranoid, hysterisch, sie wimmeln von Verschwörungen und Freiheitskämpfern und romantischen Dichtern und Revolutionären, von Geheimbünden, Satanisten, Kapuzenmönchen auf schwarzen Messen, und alle zusammen hassen sie die Juden. Mittendrin Simonini, der sie am meisten hasst.

Der Antisemitismus ist paneuropäisch, er ist die Lingua franca jener Jahre und schon früh ein literarischer Plot, eine Fiktion aus Vorurteilen und Pamphleten. Ist es das, was uns Semiotikprofessor Eco klarmachen will? Hauptsächlich ist dieser Wälzer Montage, Zeitungsmaterial, durchaus ironisch aufgeschrieben, aber wuchernd, die meisten Figuren bis auf Simonini historisch verbürgt.

Es ist ein Jahrhundert, das auf seine eigenen Erfindungen reinfällt. Beziehungsweise seine Fälschungen. Ja, das wäre die Pointe für die Semiotiker unter uns, dieses Jahrhundert ist das natürliche Biotop des Dokumentenfälschers Simonini.

Er ist einer, der an alle liefert, die ihn bezahlen: geweihte Hostien an Freimaurer für ihre Schändungsrituale, gefälschte Testamente an jeden, der 1000 Francs berappen kann, und wenn Sigmund Freud (für ihn: Froïde) das Kokain ausgeht, beschafft er auch das. Irgendwann engagieren ihn die Geheimdienste, zuerst die Franzosen, dann die Russen.

Simonini ist windig zwischen allen Fronten, zu Hause in der Schattenwelt der Dienste, er zettelt Tumulte im Auftrag der Bonaparte-Regierung an, spitzelt bei den Truppen Garibaldis, fingert im Dreyfus-Fall, doch sein Meisterstück ist ein Protokoll, von dessen Echtheit er überzeugt ist – schließlich hat er es selbst gefälscht.

Es sind die berüchtigten “Protokolle der Weisen von Zion”, die später die russischen Pogrome befeuerten und – längst als Fälschung entlarvt – die Phantasie Hitlers verhexten und noch heute den Kämpferirrsinn der Hamas und den von Ahmadinedschad beseelen: Zwölf Abgesandte der Stämme Israels treffen sich auf einem Friedhof in Prag und planen die Weltherrschaft. Die Judenbrut.

Die Protokolle werden gebraucht, denn der Hass auf Juden, so sieht es Simoninis russischer Auftraggeber, der Ochrana-Agent Ratschkowski, ist identitätsstiftend. “Man braucht immer jemanden zum Hassen, um sich im eigenen Elend gerechtfertigt zu fühlen.” Man könne nicht ein Leben lang lieben, aber hassen. “Hass wärmt das Herz.” Wahnsinnig? Und ob! So ist der Mensch, der hassen will.

Darf man das? Darf man all diesen verdrucksten Schrott – sie haben Jesus ans Kreuz geschlagen, sie kneten ihr Brot mit dem Blut von Christenkindern, sie vernichten als Finanzjuden das Proletariat, sie vergiften die Kultur mit Modernismen und die Politik mit bolschewistischen Ideen – wiederholen, ja lustvoll und ironisch auswalzen, oder wird man dabei selbst zum Antisemiten?

Aber sicher darf man. Man darf es so sehr, wie man Breiviks Schwachsinn drucken darf (und Hitlers “Mein Kampf” drucken können sollte). Aber man sollte nicht langweilen. Und das wäre der Einwand, der ernster zu nehmen ist. Der Roman quillt. Er ist unschlüssig. Er hat nicht wirklich einen Plot. Er hat höchstens eine amüsante Pointe, die darin besteht, dass unser Held seinem zweiten Ich als Abbé nur sehr umständlich auf die Spur kommt.

Klar, Eco weiß zu zerstreuen. Wir lernen Bomben basteln, wir begegnen Garibaldi und Dumas, wir philosophieren über Dostojewskis Christusbild und zählen die Leichen in Simoninis Keller.

Wir sitzen sogar beim softpornografischen Humbug einer schwarzen Messe in der ersten Reihe: “Ihr rotblondes Haar, das sie sonst keusch in Knoten zusammengeflochten trägt, fällt freigelassen schamlos an ihr herunter bis auf die Gesäßbacken, deren perfekte Rundung es liebkost.”

Und hier nun ganz ernsthaft die Frage der Fragen: Darf man das, wenn man einen Ruf als Romancier zu verlieren hat?

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