Erschienen auf SPIEGEL Online am 22. Januar 2011



Die Initiative von katholischen CDU-Politikern für Ausnahmen vom Zölibat ist nur das gewöhnliche Reformbrausen in den Laienrängen. Man muss es als Vorgeschmack auf den Besuch des heiligen Vaters in Deutschland werten – und am besten ignorieren, glaubt der überzeugte Katholik Matthias Matussek.

Man hätte die Uhr danach stellen können: Kaum hatte der Vatikan die Aufnahme von verheirateten anglikanischen Priestern in die katholischen Reihen abgesegnet, melden sich nun prominente deutsche Katholiken und fordern das Priesteramt für Verheiratete.

In einem offenen Brief setzen sich Bundestagspräsident Lammert, Bildungsministerin Schavan und andere für die “viri probati” ein, die Zulassung von vorbildlichen “erprobten Männern” zum Priesteramt. Angesichts des Priestermangels, schreiben sie, könne sonst in vielen Gemeinden keine Messe mehr gelesen, keine pastorale Grundversorgung garantiert werden.

Wenigstens für Deutschland solle diese Ausnahme gemacht werden. Und da sich an dem grundlegenden Notstand nichts ändern werde, bleibt das Fernziel, selbstverständlich, die Aufhebung des Zölibats, das ja kein Gebot Christi sei, sondern lediglich Tradition.

Für diese deutsche Extrawurst soll wieder einmal die Weltkirche umgekrempelt werden. Wieder einmal steigen die “kritischen” Laien auf die Barrikaden. Die Bischöfe sollten “Tapferkeit” zeigen, sonst müssten sie, die katholischen Laien, die Sache selbst in die Hand nehmen.

Kurz gesagt: Die gewissen “katholischen Kreise und Schichten”, von denen der Papst in seinem Buch “Licht der Welt” gesprochen hatte, “die nur darauf warten, auf ihn einzuschlagen”, machen schon jetzt, ein paar Monate vor dem offiziellen Deutschlandbesuch, mobil.

Es ist immer wieder verblüffend, wie kapitulationsbereit diese “gewissen Kreise” in der Kirche auf die Herausforderungen der Moderne antworten. Durch Kniefall. Gerade in Zeiten nivellierter Wellness-Religiosität und allenfalls protestantischem Besinnungspausentum wäre der katholischen Kirche jeder Traditionsstolz zu wünschen, jede Form von Gegenwelt und Sperrigkeit, und dazu gehört zweifelsohne der Zölibat.

Lammert-Klone am Altar

Der zölibatäre Priester verkörpert das monastische Leben mitten unter uns. Er ist die auratische Figur, die uns, wenn der Zölibat gelingt, die vollständige Hingabe an Gott und an die Gemeinde vorlebt. Er kennt die Welt und ist so lebensklug wie jener Kartäusermönch in dem Film “Von Menschen und Göttern”, der dem Mädchen, das ihm im Garten hilft, von der Liebe erzählt. Aber er weiß auch noch von einer anderen Liebe zu erzählen.

Dass dieser Film die Kinogänger in Frankreich und Deutschland derartig in seinen Bann zog, hing mit der Sehnsucht nach diesem ganz Anderen zusammen. Und dem Respekt davor. Wollen wir diese Aura, die auch jeden katholischen Priester umgibt, opfern für den Reformgewinn, Lammert-Klone am Altar stehen zu sehen?

Ausgerechnet im antipapistischen und komplett säkularen England war Papst Benedikt im Frühjahr gefeiert worden. All die Schwulengruppen und Atheisten-Agitatoren, die ihn eigentlich schon am Flughafen verhaften lassen wollten, sahen sich plötzlich als versprengte bizarre Demonstrationsfähnlein abgedrängt, während der Papst ehrerbietig und herzlich von der großen Menge – inklusive der Boulevard-Ganoven – gefeiert wurde.

Wie er das gemacht hat? Er hat eine Seeligsprechung gefeiert. Er hat kompromisslos gegen den Zeitgeist geredet. Und er ist selbstverständlich nicht auf all die albernen Reformvorschläge eingegangen, die von diesen Laiengruppen im Stundentakt ausgegeben werden.

Er hat sich als Hüter des Glaubens und der Tradition gezeigt. Und wenn es eine Haltung gibt, die uns heute interessiert, dann ist es diese. Jeder zweite modische Brillenbügel, der Baudrillard nicht verstanden hat, hält sich heutzutage für ein ganz großes Licht, wenn er “Gestrigkeit” anklagt.

Aber natürlich, Freunde, gibt es nichts Spannenderes heutzutage als Gestrigkeit, nichts avantgardehafteres als das Bestehen auf Form und Ritus, nichts Aufregenderes als Haltung in einer Zeit, in der Modebekenntnisse im Dreisekundentakt ausgetauscht werden.

Das Zölibat als Markenkern

Aber nun zum rein Praktischen: Es stimmt, dass die Kirchen sich leeren. Aber das tun sie bei den Protestanten in noch größerem Ausmaß, und die haben nun wirklich alles, was jeder katholische “Kirche-von-unten”-Aktivist auf dem Zettel hat: Da gibt es Priesterinnen, da gibt es verheiratete und geschiedene Bischöfe, da gibt es schwule Pfarrer-Eheleute, da gibt es vor allem flache Hierarchien, keine Zentrale, keinen Papst im Gepränge von Tiara, Messgewand und Hirtenstab, also absolute Demokratie.

Wollen wir das? Wollen wir die totale theologische Abrüstung? Priesteramt für jeden, Diakonie im Instantverfahren wie die Neu-Lehrer-Rekrutierung in der DDR nach dem Krieg?

Ich glaube nicht. Und als Medienmensch kann ich nur sagen: Wir Katholiken wären vom Hahn gehackt, es Protestanten gleichzutun, schon aus markentechnischen Gründen. Statt eine schlechte lutheranische Kopie sollten wir das katholische Original bleiben, und wo wir es verloren haben, uns bemühen, es wieder zu werden.

Daher kann es nichts klügeres geben, als jene wohlmeinend-besorgten Kommentatoren wie Heribert Prantl in der “Süddeutschen Zeitung” zu ignorieren, die den deutschen Bischöfen “servilen Byzantinismus” vorwerfen, weil sie nicht genügend gegen Rom opponierten. Prantl, der pontifex maximus der Kirchenkritiker, weiß beispielsweise schon, dass es “Blasphemie” sei, am Zölibat festzuhalten. Soso.

Das allein sollte einen leichten Vorgeschmack liefern auf den babylonischen Zustand, der eintritt, wenn Redakteure die Lehrmeinung der katholischen Kirche bestimmen. Denn selbstverständlich wird darauf eine andere antworten, zum Beispiel diese hier. Was für ein Gewimmel.

Und das ist noch gar nichts gegen das, was los ist, wenn “viri probati” die Altarräume bevölkern. Das Problem wird dann nur sein: Da vorne ist jede Menge Gedränge, nur die Bänke der Gemeinde sind leer.

10 Kommentare zu „Zölibat? Aber sicher!“

  • Mathias Wagener:

    Sehr geehrter Herr Matusek, endlich einmal einer, der
    Klartext spricht. Ich kann Ihren Ausführungen nur zustimmen. Im
    Übrigen darf auch nicht übersehen werden, dass neue Ämter zur
    Entlastung der Priester geschaffen worden sind. Viele Grüße aus
    Mannheim Mathias Wagener

  • Bei unangemessenen Umgangsformen und einem Hang zur Cholerik, wie er bei Ihnen vorliegt, ist es vorbildlich, wenn Sie regelmäßig beichten – allerdings sollte man seine Laster nicht pflegen, sondern ablegen.
    Wenn die Christusnachfolge nur im Zölibat besteht und alles andere an weltlichen Freuden mitgenommen wird, ist darauf gepfiffen – dann schon lieber nivellierte Wellnessreligiösität und protestantisches Besinnungspausentum für alle

  • Marianne Schetelig:

    Sehr geehrter Herr Matusek,

    es ist gut, wenn ein bekannter Mensch vom Spiegel online seine Meinung über das römisch-katholische Priestertum veröffentlicht. Es wirkt sicher mehr, als wenn ein Pfarrer das tun würde oder gar ein nicht bekannter Laie. Menschen hören bekanntlich immer mehr auf die Lämmer als auf die Hirten.

    Nur – so, wie Sie es darstellen, könnte ich als bekennende Katholikin niemals auftreten. Ich bin seit 70 Jahren in der katholischen Kirche, und es gäbe für mich nichts Besseres (einschließlich aller Fehler und Schwächen). Ich habe das Konzil sehr aufmerksam verfolgt, bin danach viele, viele Jahr aktiv gewesen in der Kinder- und Jugendarbeit und auf dem Gebiet der Gottesdienstvorbereitung (Liturgie-Ausschuss), habe 30 Jahre lang Kinderchorarbeit – ehrenamtlich – gemacht, und kann nur sagen: Schwarz-Weiß-Zeichnung ist sehr gefährlich! So, wie es manche Priester heute in altbewährter Selbstherrlichkeit noch oder wieder tun zu müssen glauben, kann es nicht angehen! Zusammenarbeit zwischen Priestern und Laien und auch im Hinblick auf ein gutes Nebeneinander in der Oekumene ist einfach und ohne Frage Voraussetzung für die Zukunft der Kirche. Wir werden niemals mehr, mit welcher Vision auch immer, die Kirchen voll kriegen. Aber wir müssen uns zu einem liebevollen Miteinander durchringen, ohne zu verurteilen oder die Einen vor die Anderen zu setzen. Zölibatäre Priester haben schon immer meine große Hochachtung bekommen, nur – sie dürfen nicht selbstherrlich sein!
    Und es gibt auch andere Menschen in der Kirche, die wir achten und ehren könnten.

    Auch ich bin sicher kein Fan der Kirche von unten und mancher ihrer Zugehörigen. Auch ich finde, dass Viele immer weniger an Regeln im Leben möchten, – bis sich alles verwässert – . Aber ich finde auch manche Sprache von militanten Katholiken ganz extrem gefährlich und zerstörend. Wie taufrisch jung und gut hat das Konzil viele Helfer und Helferinnen in der Kirche ermuntert, mitzumachen! Liebevoll ein gutes Maß einzuhalten – das ist sicher auch nicht jedem Priester gegeben, der z.B. mit grimmiger Miene eine tridentinische Messe liest, ohne die anwesenden Menschen sichtbar einzubeziehen…

    Zurück nach vorn ist nicht gut!

    Ich wünsche dem Papst, dass er in Berlin nicht das erlebt, was damals bei Johannes Paul II der Fall war. Ich war unter den Zuschauern, als junge, militante Demonstranten wie wildgewordene Hunde gröhlend neben dem Papamobil liefen und Schwule und Lesben ganz ekelhafte Aufmärsche bildeten.

    Viele Grüße aus Herzogenrath
    Marianne Schetelig

  • Der Grund der christlichen Lehre kann immer nur die Heilige Schrift sein, denn sie wurde in einem Auswahlprozess von Jahrhunderten von der Alten Kirche authorisiert und akkreditiert. Der Günder der Alten Kirche ist Jesus Christus. Wer heute “christliche Kirche” sein will muß sich an das Grundgesetz der Alten Kirche, d. h. die Heilige Schrift halten.
    Der Zölibat ist aus der Heiligen Schrift nicht zu begründen (siehe Augsburger Bekenntnis, Artikel 23).
    Weiter spricht die Geschichte ein vernichtendes Urteil über den Zölibat, denn tausende von Priestern sind gefallen und in Unheil und Schande untergegangen. Wer kann solches menschliche Leid vor Gott verantworten?
    Gruß, Rainer Brändlein

  • Johannes:

    “Statt eine schlechte lutheranische Kopie sollten wir das
    katholische Original bleiben, und wo wir es verloren haben, uns
    bemühen, es wieder zu werden” Die Arroganz von euch Katholiken ist
    himmelschreiend.

  • Ansgerus:

    Trifft des Pudels Kern. Würde Sie sehr gerne einmal in
    Hamburg treffen, wo ich regelmäßig in der tridentinischen Messe die
    Orgel spiele. Unser Priester ist ein Kämpfer gegen den
    Liturgieverfall seit der ersten Stunde, singt hervoragend die
    Liturgie, und ist sehr aufgeschlossen. Bei uns hat das Priestertum
    noch genau die Ausstrahlung, die Sie suchen, und es gibt auch keine
    Laien erster und zweiter Klasse; Laien sind Laien, Priester sind
    Priester, Punkt. (Laien erste Klasse: die meist älteren Damen und
    Herren, die als “Altarhelfer” – auch wenn genügend Priester oder
    Diakone anwesend sind – in Straßenkleidung die Kommunion austeilen,
    und am Altar unter beiden Gestalten mit dem oder den Priestern
    kommunizieren, während der gemeine Gläubige – Laie 2. Klasse – wie
    üblich unter einer Gestalt kommuniziert)

  • Elsa:

    Ach hören Sie doch auf mit Ihrem halbvergessenen Geschichtswissen, natürlich ist der Zölibat biblisch begründet! Jesus Christus hat ihn selbst bestätigt. Ich brauche doch bitte hier nicht Zitate anführen. Das ist doch unter jenseits. Man kann sich doch kostenlos informieren im Internet. 1500 Jahre Kirchengeschichte mal wegstreichen – und sich dabei gebildet vorkommen. Bitte gerne, an mir soll es doch nicht liegen.

  • Elsa:

    Äh scusi, das ging nicht gegen die Ursprungsäußerungen von Herrn Matussek, sondern gegen die abstrusen Kommentare.*ergänz*
    Beichte empfehle ich übrigebs allen Besserwissern hier,

  • Dr. Kuno Zeller:

    am meisten stört die Heuchelei der Katholischen Kirche im
    Umgang mit der Zölibat-Praxis. Viele Priester haben trotz Zölibats
    eine verheimlichte Beziehung zu einer Frau, es gibt uneheliche
    Kinder, für die die Kirche aus unserer Kirchensteuer bis zu drei
    KIndern die Alimente bezahlt, der Priester wird strafversetzt, muss
    die Beziehung aufgeben und die Mutter ist schließlich
    alleinerziehend. Was für eine familienfeindliche Kirchenpolitik!
    Wer sich als Priester das Zölibat zutraut und es auch vorbildhaft
    aushält, der ist sicher der Idealfall. Diesen sollte die Kirche
    beibehalten, aber auch den sog. vir probatus zulassen, der bereits
    verheiratet ist und die anderen tiefen theologischen Prüfungen
    besteht. Es ist einem Priester nicht zumutbar, dass er 6 Gemeinden
    betreuen muss und dies ist auch den Gemeinden nicht zumutbar. Warum
    gehen nur noch so wenige Katholiken in die Kirche? Ich bin Katholik
    und singe im Kirchenchor, ich sag es Ihnen: weil Wasser gepredigt,
    aber Wein getrunken wird (z.B. Missbrauch, Zölibat, Umgang mit
    Geschiedenen, Verhütung und Aids). Ihr Hinweis auf die Situation in
    der evangelischen Kirche ist in diesem Zusammenhang wenig
    hilfreich. Immerhin stammt aus diesen Pfarrer-Familien wenigstens
    viel vererbte Intelligenz. Sarrazin lässt grüßen. Ideal und
    Wirklichkeit in der katholischen Kirche klaffen extrem weit
    auseinander. Aber es muss halt auch Leute geben wie Sie, die die
    Fahne der aufrechten Idealisten hoch halten. Mit freundlichen
    Grüßen, Kuno Zeller.

  • [...] war wohl nach dem Geschmack des Jesuitenschülers Matussek, der nebenbei gerne auch den Zölibat verteidigt, und auf Spiegel Online schrieb er: Natürlich hat Innenminister Hans-Peter Friedrich recht, wenn [...]

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