Hier bestellen

Alle Kritiken


Erschienen auf SPIEGEL Online am 27. Oktober 2010


Was tun, wenn die eine Seite dauernd über Religion spricht und der anderen gar nichts dazu einfallen will? Eine Reise durch die wundersame Welt der Leitkultur- und Wertedebatten.

An der Bahnsteigkante zum Zug nach Berlin spricht mich Kübra Yücel auf meinen Blog an. Kübra ist eine 22-jährige Studentin mit einem Kopftuch, das nach Hermés aussieht. Wir setzen uns in den Speisewagen. Sie isst frittierte Krabben mit Remouladensauce aus einer mitgebrachten Pappschachtel. Mit den Fingern. Das tut man eigentlich nicht. Im Speisewagen, mit den Fingern, und schon gar nicht Remouladensauce.

Sie trägt ein Kopftuch. Das tut man erst recht nicht in diesen Tagen, denn es sieht antidemokratisch und anti-emanzipatorisch aus. Doch Kübra trägt das Tuch nicht aus Unterwürfigkeit, sondern aus dem genauen Gegenteil. Aus Stolz.

Sie sagt, sie will ihre Religion zeigen. Das ist ihre Form von Punk, ihre Form von Aufstand. In der Türkei würde sie damit nicht auffallen, aber hier. Sie versteht sich übrigens als links. Der neue Religionskrieg kennt die bizarrsten Frontverläufe.

Kübra schreibt eine Kolumne. Sie erscheint auf ihrer Internetseite fremdwoerterbuch.blogspot.com, und ihr Deutsch ist, überflüssig zu sagen, makellos.

Ach ja, sie war es, die mich angesprochen hat. “Das tut man eigentlich auch nicht als Muslima”, sage ich. Sie entgegnet, ich würde einfach zu wenig Muslimas kennen. Wie auch, sage ich, die werden doch von ihren jungen Schläger-Ehemännern unter Verschluss gehalten. Sie lächelt milde. Klischees. Im Übrigen würden die Jungen sich deshalb als Traditionalisten aufführen, weil sie von den Medien dazu gemacht werden. “Das ist eine Rollenzuweisung, die sie ausfüllen”, sagt sie, die angehende Politologin.

“Man kann doch nicht für alles die Medien verantwortlich machen” sage ich, der kurzfristig selbsternannte Integrationsbeauftragte von SPIEGEL ONLINE.

Ein gemütliches Hickhack. Einig sind wir uns in unserem Erstaunen darüber, wie sehr die religiöse Identität sich in den Vordergrund der Leitkultur-Debatte geschoben hat.

Von linkstrotzig bis Nazi-finster

Natürlich gibt es mittlerweile den Islam in Deutschland, doch es gibt ihn in den unterschiedlichsten Spielarten. Es gibt ihn linkstrotzig wie bei Kübra. Es gibt ihn unaufgeklärt und emanzipationsfeindlich wie bei Neuköllner jungen Erwachsenen, die ihre Frauen zu Hause wegsperren wollen.

Es gibt ihn auch in der finsteren Nazi-Variante von deutschen Konvertiten wie dem Salafisten Pierre Vogel in Mönchengladbach, der seine Leitkultur und seine Loyalität nach Mekka ausgelagert hat. Vogel, auch bekannt als Abu Hamza, ist ein ehemaliger Boxer. In seinen Predigten fordert er die Kanzlerin unter dem Gegröle seiner Fans auf, in Neukölln die Scharia einzuführen. Mal aufräumen, Hände abhacken und so, Ruhe und Ordnung schaffen.

Bei Vogel klingt der Islam nach Springerstiefel, Ballonjacke und Baseballschläger.

Da haben wir nun den Salat. Seit Bundespräsident Christian Wulff sich so salopp in die Formel hineingefestrednert hat, dass “der Islam inzwischen zu Deutschland gehört”, geht alles drunter und drüber. Die einen applaudieren, die anderen schäumen, doch auch die religionsfernsten Kommentatoren scheinen zu akzeptieren, dass es da um merkwürdige Glutkerne der Überzeugung geht.

Wahrscheinlich hat Wulff nur eine fürsorgend integrative Floskel loswerden wollen. Präsidentenjob, Abteilung Kultur und Gedöns. Doch plötzlich ist da etwas erwacht. Zudem sich Wulff später, um die Symmetrie herzustellen, die gleiche Saloppheit in der Türkei geleistet hat, als er sagte: “Das Christentum gehört zur Türkei.”

Jeder weiß nun, dass das staatsmännischer Unsinn ist. Jeder weiß, dass es nur noch weniger als ein Prozent Christen in der Türkei gibt, und die werden in der Regel drangsaliert.

Auch das Christentum gibt es in den unterschiedlichsten Spielarten. In der türkischen Diaspora ist es ein Lebensrisiko, bei uns dagegen eine eher unsichtbare, zur schläfrigen Selbstverständlichkeit abgesunkene Tradition, die erst dann mobilisiert wird, wenn sie in einer Rede des Bundespräsidenten heraufbeschworen wird. Oder in Parteitagsanträgen der CDU zur Leitkultur.

Das “C” spielt keine große Rolle mehr

Die Religion! Eigentlich wollen wir in unserer ausgenüchterten Gesellschaft nichts mehr zu tun haben mit ihr, aber wir werden sie einfach nicht los. Der Glaube scheint die Menschen tiefer zu färben als alle säkularen Beschwörungen der Aufklärung und Toleranz.

Dass er das auf der islamischen Seite tut, ist evident. Dass er nun auf der christlichen Seite zwingt, Farbe zu bekennen, ist eines der unerwarteten Spektakel, das die durch Thilo Sarrazins Buch ausgelöste Integrationsdebatte herbeigezaubert hat. Die stellt hohe Anforderungen.

“Lass uns doch mal über das Christentum wieder reden”, rief die Bundeskanzlerin den verdutzten Delegierten auf dem Deutschland-Tag der Jungen Union zu. “Lass es uns doch mal wieder mit frohem Herzen verkünden.” Das klang ein bisschen schnippisch. Das klang wie: Wenn ihr so sehr gegen den Islam pestet, dann kommt doch mal mit eurem eigenen Angebot nach vorne! Mit eurem “C”.

Ist das nun eine Hinwendung zur C-Politik? JU-Chef Philipp Mißfelder, mit dem ich später sprach, war verwundert über diese neuen Töne. Normalerweise spielt das C nicht mehr die große Rolle. “Na ja, vielleicht noch bei dem Kauder, der ist da sehr engagiert.”

Mißfelder, Katholik, findet das prima, aber er verspricht sich größeren ideologischen Treibstoff aus der Diskussion über Bürgerlichkeit und ihre Tugenden. Dennoch ist nun ein Antrag zur Leitkultur verabschiedet, der Werte betont, die “durch christlich-jüdische Tradition geprägt sind”.

Es sieht so aus, als ob keiner Lust darauf hat, die Wulff-Floskeln ernst zu nehmen. Allen scheint unwohl zu sein damit, dass der Präsident die Integrationsdebatte in eine Religionsdebatte umformuliert hat. Die religiöse Identität in der politischen Arena sorgt für Verstörung. Wer die eine Seite in Schutz nimmt, scheint damit automatisch die andere zu bekämpfen.

Dann gehört die Türkei auch nach Europa

Man dürfe nicht von den Muslimen erwarten, dass sie sich ständig von Terroristen distanzieren, argumentieren eher kirchenfeindliche Multi-Kulti-Versteher, wenn nicht die katholische Kirche im Gegenzug sich von den Pädophilen distanzierte.

Nun, zunächst tut sie das. Und zum zweiten sorgt nicht die Pädophilie dafür, dass Flugreisende in der ganzen Welt stundenlang für Sicherheitschecks anstehen müssen und Großstädte immer mal wieder in Alarmbereitschaft versetzt werden. Aber der Terrorismus!

Ein Kuddelmuddel aus Gefühl und Ideologie und Politik entsteht da, ein hitziges Gefecht. Cem Özdemir von den Grünen versucht dadurch auf Distanz zu gehen, dass er aus der Religionsfrage einen politischen Dreisatz macht. Heraus kommt bei ihm der Beitritt der Türkei in die Europäische Gemeinschaft.

“Wenn das Christentum zweifelsfrei zur Türkei gehört, wie der Islam mittlerweile zweifelsfrei zu Deutschland gehört, dann gehört die Türkei nach Europa.” Entscheidend ist offenbar auch für Özdemir die Religion. Denn auch umgekehrt gilt: Wer die Türkei immer noch draußen lässt, hat in Wahrheit Schwierigkeiten mit dem Islam.

Dennoch müssen auch die überzeugtesten Säkularen die Prägung durch Religion zugestehen. In einem Gespräch mit dem SPIEGEL erkennt der türkische Schriftsteller Zaimoglu: “Deutschland hat wie nun völlig zu recht gesagt wird, eine christlich-jüdische Tradition. Das ist die weltanschauliche Matrix des Landes.”

Gleichzeitig aber findet Thomas Assheuer in der “Zeit”, dass das Gerede von der christlich-jüdischen Leitkultur den Fremdenhass schürt. Er möchte nichts von “Wertegemeinschaft” hören, sondern nur vom Grundgesetz. Offenbar aber tun ihm die schwer erziehbaren Menschen den Gefallen nicht, weder in der Türkei noch in Deutschland.

Erst mal das eigene Haus orten

Was fangen wir nun damit an? Vielleicht kapieren wir endlich, dass interesselose Multikulturalität in einer globalisierten Welt nicht lebbar ist. Dass auch die totale Autonomie von Werten und Religionen und Zugehörigkeitsgefühlen nicht lebbar ist.

Die Reflexion auf das Eigene ist ein so natürlicher Impuls, dass er nahezu als anthropologische Konstante angesehen werden kann. Es ist wie bei Google Earth: Man hat den ganzen Planeten, aber man versucht zuerst, das eigene Land, die eigene Stadt, das eigene Haus zu orten.

Man versucht, sich selbst auf den Kopf zu schauen, und das ist fremd genug und genau das, wovon der Prinz in Büchners “Leonce und Lena” träumt: Man will erst mal das kennnenlernen, wo man herkommt.

Und nun stellt sich die Identitätsfrage neu. Und zwar durch die Migranten, die wir integrationsunwillig nennen. Durch diejenigen also, die nun ihr Eigenes in unsere Gemeinschaft importiert haben. Ihre Religion, ihre Sitten, ihre Traditionen, ihre Sprache.

Und die daran ganz natürlich festhalten. Und damit werden wir auch in Zukunft zu rechnen haben.

PS: Eigentlich wollte ich mich mit Kübra noch über die “linke Leitkultur” von Slavoj Žižek unterhalten, aber irgendwie kam es nicht dazu, weil sie über unsere Begegnung in der “taz” schrieb, wo sie eine Kolumne hat (“Kopftuchmädchen trifft Matussek – empirisch”). Am nächsten Tag wurde sie in die Sendung von Maybrit Illner eingeladen. Einig aber waren wir uns darüber, dass sich die Identifikationsdebatte immer darum dreht, was man nicht ist. Was das zu bedeuten hat, sieht jeder von uns beiden anders.

1 Kommentar zu „Wir werden die Religion nicht los“

  • Dr. Suna Wölk:

    Als säkular orientierte Germanistin mit türkischem Migrationshintergrund wundere ich mich mehr und mehr über dieses ehemals an religiösen Fragen desinteressierte Land, in dem die Wellen des Christentums und des Islams plötzlich derart ineinanderschlagen, dass ich mich nach den lang vergangenen Gesprächen über Adorno, Bloch und Konsorten zurückzusehnen beginne. Hinter Religionsdebatten lassen sich Fragen nach der Teilhabe an der Macht trefflich verbergen – und noch immer geht es darum, wenn auch in veränderter Form. Gelingende Integration bedeutet in letzter Konsequenz Teilhabe an Macht. Denn Integration ohne gesellschaftlichen Machtzugewinn bedeutet: Uni absolvieren – als Packer bei Lidl arbeiten. Wenn Migranten durch Integration mehr Macht in Form von beruflicher Positionierung, Gehör bei Medien u.a. erlangen, haben Deutschgebürtige etwas weniger Macht. Während sich mehr und mehr Migranten unter Kopftüchern und hinter Vollbärten ihre gesellschaftliche Ohnmacht zu versüßen suchen, zelebriert das Abendland aus zerbröckelten Werten eine Bürgerwehr aus “jüdisch-christlicher Tradition” in der Hoffnung auf eine neue Identität.
    Freiwillige Machtabgabe unter diesen Umständen? Wenig denkbar. Um die reale Machtfrage zu verschleiern, finden eher schwerfällig denkende Merkwürdigkeiten wie Necla Kelek Gehör, die ihre traditionelle Familie, mit der sie nicht fertig geworden ist, dem Mainstream als Wissenschaft um die Ohren hauen.

Kommentieren

*