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Erschienen bei TheEuropean am 29. Oktober 2010


Die Debatte, die um Thilo Sarrazins Buch ausgebrochen ist, ist nicht nur eine über Integration, sondern auch darüber, was wir für wichtig halten. Sie ist überfällig.

Nur ein paar Wochen hat es gedauert, bis Thilo Sarrazins Buch von der Kanzlerin doch noch als äußerst hilfreich erkannt wurde. Genauer: ein paar Wochen und eine Million verkaufter Exemplare. Der Autor ist zwar nach wie vor geächtet, aber sein Buch ist das politische Brevier des Tages, denn nun läuft der ganz durchschaubare politische Opportunismus zur Höchstform auf: Ob Merkels CDU oder Gabriels SPD, die Parteien übergipfeln sich derzeit in Forderungen nach “hartem Durchgreifen” gegen “Integrationsverweigerer”, ja, sie überholen Sarrazin rechts und links wie im Schlussspurt einer Radtour. Rund eine Million Buchkäufer – was für ein Wählerpotenzial!


Wiederkehr der Leitkultur

Mit Sarrazins melancholischer Warnung “Deutschland schafft sich ab” kehrt jedoch noch ein weiterer Begriff in die Arena zurück, der einst ebenfalls – gemeinsam mit seinem Erfinder Friedrich Merz – vor die Tür gesetzt wurde: der der “Leitkultur”. Den fand man nationalistisch und sogar rassistisch. Jetzt spricht sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel in Talkshows so gewichtig von Leitkultur, als habe er den Begriff selber geprägt. Für die CDU wird sie ein zentraler Begriff auf dem kommenden Parteitag sein.

Ja, der politischen Kaste dämmert allmählich, dass eine der eigentümlichsten Unterströmungen der Globalisierung darin besteht, dass die Sehnsucht nach Identität wächst. Anders gesagt: Je internationaler die Welt, desto nationaler das Gefühl. Sarrazins Buch ist eines, das dieses Bedürfnis spiegelt. Wir Deutschen hatten dieses Gefühl bisher, argwöhnisch beäugt von politisch korrekten Sprachaufsehern und Gesinnungspolizisten, von rechten Randgruppen verhandeln lassen und dort unter der Ladentheke.

Dabei ist die Reflexion auf das Eigene ein so natürlicher Impuls, dass er nahezu als anthropologische Konstante angesehen werden kann. Es ist wie auf der Website von earth.google.com: Man hat den ganzen Planeten, aber man versucht zuerst, das eigene Land, die eigene Stadt, das eigene Haus zu orten. Man versucht, sich selber auf den Kopf zu schauen, und das ist fremd genug und genau das, wovon der Prinz träumt in Büchners “Leonce und Lena”. Man will erst mal das kennenlernen, wo man herkommt.

Wir müssen uns identifizieren

Und nun stellt sich die Identitätsfrage neu. Und zwar durch die Migranten, die wir “integrationsunwillig” nennen. Durch diejenigen also, die nun ihr Eigenes in unsere Gemeinschaft importiert haben. Ihre Religion, ihre Sitten, ihre Traditionen, ihre Sprache. Und die daran ganz natürlich festhalten. Sie sollen nun so deutsch wie möglich werden. Allerdings, und da hat die türkische Journalistin Mely Kiyak völlig recht: “Wieso erwartet man von uns überhaupt, dass wir uns mit Deutschland identifizieren, wenn selbst die Deutschen es nicht tun?”

Wo sie recht hat, hat sie recht. Wir haben Probleme mit uns. Tradition? Eher nicht. Wie schreibt man Goethe noch mal? Hat Schillers “Wallenstein” tatsächlich ein Maschinengewehr gehabt, wie wir es im Theater gesehen haben? Darf man im Kölner Dom rauchen? Es sieht so aus, als müssten wir erst mal eine Leitkulturdebatte mit und für uns selber führen.

Wir hatten uns nach der Hitlerkatastrophe daran gewöhnt, das lässige Abwerfen unserer kulturellen Identität als demokratischen Erziehungserfolg zu feiern. Nie wieder Deutschland. Die Älteren tauchten ein in das Vergessensbad Tiroler Trachtenfilme, die Jüngeren in die amerikanische oder britische Popkultur, wir waren entweder regional oder global, nur deutsch möglichst nicht mehr.

Die große Ausstellung im Historischen Museum 2006 zur deutschen Geschichte hat das geändert. Sie lieferte Koordinaten für ein neues, ein unverkrampfteres Nationalgefühl, für das also, was als Leitkultur gelten kann.

Zu Teil 2: Kollektivneurose Leitkultur

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