Erschienen in der B.Z. am 5. Juni 2010

Köhler ging – wer kommt? Autor Matthias Matussek über ein Staatstheater in sechs Akten.

Wäre die zurückliegende Woche ein Roman, ich hätte ihn in die Ecke geschmissen. Was für ein chaotisches, schlampig zusammengereimtes Zeug! Nicht Fisch, nicht Fleisch, kein Polit-Thriller, aber auch keine Romanze, die Akteure mittelmäßig, ihre Motive unausgeleuchtet, ihre Beweggründe weitgehend unverständlich!

Was soll das, den Knaller gleich auf die erste Seite zu packen und danach nur noch Irrsinn, Kulissenschieberei, hektisches Kandidatenkarussell, um alles mit der grausten aller grauen Lösungen zu beschließen, und zwar mit der Aussicht, dass sie grau bleiben wird auf Jahre hinaus? Man nennt so was: Anti-Klimax.

Montag, der Knaller

Zunächst einmal ist da Köhlers Abgang vom vergangenen Montag. Der Bundespräsident tritt im Sommerloch zurück, sozusagen aus dem Nichts heraus, ohne jede Vorwarnung, so unerwartet, dass er vermutlich auch sich selber damit überraschte. Dieser Sommerloch-Rücktritt war selber das Ergebnis einer Sommerloch-Debatte.

Eine Debatte, die der Bundespräsident durch eines seiner zerfahrenen Interviews nach einem Truppenbesuch in Afghanistan losgetreten hatte. Er sagte, dem Sinn nach: Selbstverständlich ist unsere Armee prinzipiell auch dazu da, Ressourcensicherung zu betreiben und Wirtschaftswege zu schützen, kurz, Schaden vom Volk abzuwenden, und das nicht nur im engsten Verteidigungsfall.

Da war nichts, was in anderen Ländern – etwa in den USA oder in Großbritannien – als anstößig empfunden worden wäre. Im Gegenteil. Ich war in beiden Ländern Korrespondent und weiß, dass man solche Stellungsnahmen vom Staatsoberhaupt geradezu erwartet.

Bei uns hingegen schnappte der politische Gegner nach dem größtmöglichen Missverständlichkeitszipfel und sprach mahnend und warnend und rüffelnd das Gespenst des deutschen Militarismus an, also von „Kanonenboot-Diplomatie“ (Trittin), als hätten wir einen geisteskranken Säbelrassler auf der Kommandobrücke und das Jahr 1914.

Eine erläuternde Klarstellung seitens des gekränkten Präsidenten folgte, und dann dachte man, die Sache sei erledigt.

Das Land wandte sich erquicklicheren Themen zu. Etwa der Fußballweltmeisterschaft, der Beschaffung von Grillgerät und Schwenkzeug, also der Vorbereitung für ein bitteschön weiteres Sommermärchen. Im Übrigen lag die Nation noch in den Zuckungen des goldigen Grand-Prix-Taumels und war absolut hingerissen von Lenas Näschen und ihrem Gören-Lala. Die Sommerloch-Debatte war inzwischen so erledigt, dass man sie sich erst mühsam in Erinnerung rufen musste, als Köhler dann schließlich an aus irgendeinem inneren Tunnel an jenem ominösen Montagmittag in die Scheinwerfer trat und Bezug auf sie nahm und dpa um 13.57 Uhr eine Blitzmeldung schickte, die aus drei Wörtern bestand: „Köhler tritt zurück“.

Die Sommerloch-Kritik, sagte der zukünftige Ex-Präsident sodann in einem knappen und nicht unsentimentalen Statement vor den Kameras, sei, wiederum sinngemäß, derartig unter aller Kanone (!) gewesen, dass sie nicht nur ihn treffe, sondern das Amt beschädigt habe. Die Kritiker, und das ist jetzt wörtlich, „ließen es an Respekt vor dem Amt mangeln“.

Dann nahm er seine Frau Eva Luise bei der Hand und ging und ließ die verdutzten Presseleute mit einem massiven, verständnislosen „Häh?“ im Raum stehen.

Wir wissen mittlerweile, dass er Kanzlerin Merkel erst zwei Stunden vorher über seinen Schritt informiert hatte, und dass sie ihn inständig bat, seinen Entschluss noch einmal zu überdenken. Später sagte sie, sie bedauere „diesen Rücktritt aufs Allerhärteste“, was eine andere Formel durchschimmern lässt, nämlich dass sie den Entschluss aufs Allerschärfste verurteile, was ihren wahren Gefühlen eher entsprach: Sie soll, so heißt es aus ihrem Umfeld, stinksauer gewesen sein. Nach Roland Koch nun der zweite, der von der Fahne geht. Macht keinen guten Eindruck, ausgerechnet jetzt.

Die Gründe, die Köhler durchblicken ließ – mangelnde Unterstützung –, muss sie für mehr als windig halten. Mit Recht. Denn natürlich ist das Amt des Bundespräsidenten von keinem seiner Kritiker so sehr beschädigt worden wie nun von Köhler selber, der es verlassen hat wie eine Würstchenbude nach Saisonschluss. Kann ein Amtsträger, der geschworen hat, Schaden vom Volke und so weiter, und seinen Mann zu stehen, egal ob Schnee oder Regen oder Sturm, einfach so gehen, wenn ihm jemand widerspricht? Leben wir in einer Monarchie, wo es den Tatbestand der Majestätsbeleidigung gibt? Haben wir nicht alle täglich Widerspruch zu ertragen, lieber gewesener und überaus sensibler Volkspräsident, und Dinge, die man manchmal aushalten muss, gerade jetzt in diesen harten Zeiten? Man ist versucht, selber zu kandidieren, aber man kann ja schließlich nicht alles machen.

Und überhaupt, wie sehr sind frühere Präsidenten durch die Mangel gedreht worden. Karl Carstens war schnell nur noch der belastete Wandervogel, Johannes Rau geriet auch als Präsident noch mächtig unter Druck wegen des Filzes mit der WestLB in Nordrhein-Westfalen, und Gustav Heinemann wurde wegen seiner Unterstützung der Ostverträge geradezu angepöbelt. Interessanterweise jedoch veranstaltete nur das leitartikelnde Journalistengewerbe Scherbengerichte gegen den Politamateur Köhler wegen dieses in der deutschen Geschichte einmaligen Vorgangs – in Straßenumfragen war der Seiteneinsteiger Köhler mit seinem Ausstieg bald zur Symbolfigur des Widerstandes gegen den verrotteten Politbetrieb insgesamt geworden.

Dienstag, das Karussell

Der Betrieb jedoch summte und brummte nun in seiner Verworfenheit und dachte überhaupt nicht daran, betreten zu Boden zu schauen und „Reschpecktle“ auf Schwäbisch zu zollen, sondern schob eine ganze Reihe von potenziellen Nachfolgern und Lückenbüßern an die Rampe, nach der Devise: schnell, schnell. Zunächst einmal konnte die Kanzlerin, die von allen wahrscheinlich am besten mit Zahlen umgehen kann, auf den arithmetischen Vorteil in der Bundesversammlung hinweisen: Da liegt Schwarz-Gelb vorne, ließ sie das Land wissen, also werde Schwarz-Gelb auch entsprechende Vorschläge machen.

Und nun sickerte mehr und mehr durch, aus unmittelbarer Nähe der Kanzlerin, wie es hieß, dass es auf dieser shortlist grauer Nennungen – Wolfgang Schäuble, Christian Wulff, Norbert Lammert – einen strahlenden Namen gebe, den sie favorisiere, ein Gesicht, das als Mutter der Nation geradezu patentiert war, eines von stählerner Güte, nämlich die lächelnde Multibelastungs-Superfrauenmine der Ursula von der Leyen. Und die könnte mit ihrem wenn auch angeheirateten Adelstitel durchaus mitmischen in der europäischen Landesmüttermonarchie

Sie ist die notorisch beliebteste Politikerin im Lande und gemeinsam mit Guttenberg aktivster Posten in einem Kabinett mühseliger Aktenschoner, sieht man von den Tapsereien Westerwelles einmal ab. Von der Leyen machte so sehr Sinn, dass sie in den Nachrichtensendungen des Mittwochs als geradezu offenes Geheimnis gehandelt wurde und sie selber strahlte auf Anfragen pures optimistisches Schweigen ab.

Mittwoch, die Kandidatin

Der Mittwoch ist gepflastert mit Unterstützermeldungen für von der Leyen. Bereits am Morgen spricht sich die ehemalige Bundespräsidentenkandidatin Hildegard Hamm-Brücher für die Sozialministerin aus.

Um 11.16 Uhr meldet dpa, dass die CSU von der Leyen unterstützen würde. In den Nachrichten-Filmbeitragen des Tages platzt die Niedersächsin unter ihrer blonden Stufenschnitt-Krone so sehr vor stummer Siegeslaune, – sie zieht auf Anfragen kokett einen imaginären Reißverschluss vor ihrem Munde zu – dass es in der Sendung „Hart aber fair“ bei Plasberg am Abend nur noch darum gehen kann, wen die Gegenseite wohl ins Rennen schicken wird. Und der oder die, das ist herauszuhören, würde blass aussehen.

Donnerstag, Schadensbegrenzung

Am Donnerstagvormittag, um 11.53 Uhr, jedoch meldet die ARD, dass von der Leyen aus dem Rennen sei, und dass es nun wahrscheinlich auf Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff hinauslaufen werde.

Was für ein landesweit vernehmbares „Pfffffft!“, mit dem da die Spannung entweicht. Seither sind alle Spin-Doktoren der CDU damit beschäftigt, Wulff als von vornherein erste Wahl und Lieblingsoption der Kanzlerin zu verkaufen. Dennoch hält sich hartnäckig eine ganz andere Lesart, nämlich die einer Niederlage: Dass Merkles Wunschkandidatin wegen ihrer Internet-Zensurbestrebungen in letzter Minute auf Widerstand in der FDP gestoßen sei, und dass die CDU-Granden dann doch einen der ihren wollten, einen aus der Andenpakt-Generation der Koch-Oettinger-Merz, den letzten Stehenden, sozusagen.

Die Sympathie-Erklärung für Wulff, die sie am Donnerstagabend, um 19.29 Uhr, flankiert von den Parteichefs der Regierungskoalition Horst Seehofer und Guido Westerwelle abgibt, wirkt, als lese sie den Beipackzettel für ein homöopathisches Hustenmittel vor: Gut verträglich, keine schädlichen Nebenwirkungen, aber ob es nun wirklich hilft, tja, das steht in den Sternen.

Christian Wulff, der in Niedersachsen wegen seiner merkwürdigen Vortragstechnik „der Knödel“ genannt wird, hat auf seine Art für das höchste Amt trainiert. Er ist präsidial bis in den Scheitel und eher selten durch eine originelle Idee, eine zündende Rede, einen anstößigen Vorschlag aufgefallen. Er ist ein solider Politiker, doch er ist eben in erster Linie das: Seine politische Biografie ist in den Parteigremien der CDU gebacken worden und hat selten aufregendere Herausforderungen erlebt als das Formulieren von Parteitagsanträgen. Aber seine Frau ist niedlich und der Smoking steht ihm gut.

Gegen diese blank polierte christdemokratische Hausproduktion schickt nun die Opposition aus SPD und Grünen ein intellektuelles und biografisches Schwergewicht ins Rennen. Nur zwölf Minuten, nachdem dpa am Donnerstag die Kandidatur Wulffs verkündet hat, schiebt sie, um 16.59 Uhr, die Meldung nach, dass der Kandidat der Gegenseite Joachim Gauck sein werde, der Mann, der das neue, das gewachsene, das historische Deutschland verkörpert wie kaum ein zweiter.

Freitag, das Duell

Christian Wulff mag die politische Arithmetik und den Machiavellismus der Kanzlerin auf seiner Seite haben, die Sympathie hat der andere: n-tv meldet das Ergebnis einer Blitz-Umfrage, nach der sich 60 Prozent für Gauck und nur 40 Prozent für Wulff erwärmen konnten. Die Leute spüren: Gauck ist der Interessantere – Joachim Gauck, der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, ein Bürger, unbestechlich, konservativ, Verfechter eines fortschrittlichen Patriotismus, Hassfigur der Linken.

Er ist der Mann, der zwei deutsche Diktaturen kennengelernt hat und die Freiheit zu seinem Lebensthema gemacht hat. In der DDR aufgewachsen und dort geprägt und bespitzelt und schikaniert. Er wollte eigentlich Journalist werden, durfte nicht, und entschied sich dann für die Theologie. Er stellte sich als Pastor in der Rostocker Nicolai-Kirche in den Widerstand zum Regime. Mit anderen Worten: Dieser Mann, der für die Freiheit gekämpft und gelitten hat, ist ein intellektuelles und moralisches Schwergewicht. Dieser Mann würde unter normalen Umständen auch ein parteiübergreifender Kandidat sein. Hier wird er nun verheizt werden in einem taktischen Gambit, und jeder, der das miterlebt, wird sich denken: Schade. Das ist die erste Hypothek, die Wulff mit auf den Weg nimmt. Beschädigt ist jedoch auch Ursula von der Leyen, die zumindest von Merkel in dem Glauben gehalten wurde, sie sei ihre Wunschkandidatin. Beschädigt aber ist auch die Kanzlerin selber, die sich wieder mal als pure Rechnerin ohne innere Überzeugung erwiesen hat. Schade.

Samstag, hitzefrei

Das Land hat sich beruhigt, die Liegestühle werden rausgestellt, man grillt Würstchen und CSU-Chef Horst Seehofer andere Kollegen. Nachdem er mit Rösler in Sachen Kopfpauschale fertig geworden ist, wendet er sich nun seinem Parteifreund von und zu Guttenberg zu – wegen seines Vorstoßes in Sachen Wehrpflicht.

Die Regierung wird am Wochenende mit einer geschwächten Kanzlerin über Einsparungen im Haushalt schwitzen, und in der „Bild“-Zeitung bekennt Joachim Gauck, dass er auch als CDU-Kandidat angetreten wäre. Pech, dass er von der falschen Seite vorgeschlagen wurde. Aber das ist derzeit Berliner Politik.

Lauter Enttäuschungen, lauter Verlierer, auf allen Seiten. Marcel Reich-Ranicki hätte getobt, keine Dramaturgie in dem Zeug, keine Botschaft, keine Handlung, die Sinn macht, die Schurken sind Langweiler und die Weicheier letztlich Schurken, Hoffnungen werden so schnell erweckt wie sie platzen, vermeintlich grundlos, und am Ende dieser Woche wäre der beste Anlass, wieder mal Brecht zu zitieren, mit jenen Worten, mit denen MRR das „Literarische Quartett“ zu beschließen pflegte:

„Und so sehen wir betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen…”

3 Kommentare zu „Die Woche, in der Polit-Berlin bebte“

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