Apr 14 2010

Nachlese zu Anne Will

Category: AllgemeinMatussek @ 17:24

Die Heftigkeit unserer TV-Diskussion ist in der Intensität der Mails, die mich erreicht haben, gespiegelt worden, sowohl hier, wie auf facebook, wie privat. Warum ist das so? Weil es nichts Persönlicheres als den Glauben gibt. Hier ist jeder wund.
Für die vielen aufmunternden mails bedanke ich mich. Die Schmäh-mails muß ich wohl ertragen. Wer seinen Kopf rausstreckt, riskiert Watschen, das war mir klar. Bisweilen habe ich Fans verprellt. Eine Frau schrieb mir, dass sie mich immer als Zyniker geschätzt habe – und nun das! Tja. Augstein sagte mal, dass jeder Zyniker ein enttäuschter Idealist ist.
Ich hätte mich sicher TV-geschmeidiger verkaufen können, aber dann hätte ich verraten, wovon ich im Innersten überzeugt bin.
Mittlerweile hat sich viel getan. Der Vatikan hat noch einmal kompromisslos klargestellt, dass von nun an alle Mißbrauchsdelikte unverzüglich an die Staatsanwaltschaft weitergereicht werden – eine notwendige Klarstellung.
Der neue Chef des Berliner Canisius-Kollegs Pater Klaus Mertes SJ ist, ebenfalls mit Recht, öffentlich mit den Instinktlosigkeiten von Bischof Mixa und anderen ins Gericht gegangen. Es tut sich was in der katholischen Kirche. Das chinesische Zeichen für „Krise“ ist das gleiche wie das für „Neuanfang“. Ich glaube, daß in der jetzigen Situation auch eine große Chance liegt.
Und dann wird die Sicht wieder frei werden auf das, was Kirche eigentlich ausmacht: Das schönste Angebot, das sich denken läßt. Glauben, Solidarität, Trost, Hilfe, Lebenszuversicht. Und einen Einspruch gegen eine Gesellschaft, die durchsetzt ist von Habgier, Egoismus, Neid, billiger Befriedigung, und immer weiter auseinanderfällt.
Nach diesem Wort zum Sonntag nun eines zum Freitag: Da bin ich in der Talksendung „III nach 9“. Mit dabei ist Volker Schlöndorff, der den Internatsfilm „Der junge Törless“ gedreht hat als er 27 Jahre alt war, ein Meisterwerk, das den Neuen Deutschen Film auf die Landkarte gesetzt hat.
Wird sicher eine spannende Diskussion!

14 Kommentare “Nachlese zu Anne Will”

  1. Reinhold BEnder meint:

    Sehr geehrter Herr Matussek,

    ich war ziemlich erstaunt – und positiv überrascht – dass sie bei “Anne Will” eine
    verteidigende Haltung bezüglich des christlichen Glaubens “an den Tag legten”.
    Angesichts Ihrer Aussagen müßte Ihnen eigentlich schlecht werden was da in den letzten
    Monaten vom SPIEGEL veröffentlicht worden ist.

    Darf man davon ausgehen, dass Sie bei Redaktionskonferenzen ähnlich zivilcouragiert die
    oftmals diffamierenden Artikel intern kritisieren ? Ich möchte nicht mißverstanden werden.
    Die Mißbrauchsfälle müssen konsequent verfolgt und bestraft werden ! Allerdings versuchen
    die Medien den christlichen Glauben im Grundsatz zu diskreditieren und da bin ich dem SPIEGEL
    gegenüber (obwohl jahrzehntelanger Leser) sehr kritisch. Was soll denn passieren, wenn der christliche Glaube privatisiert oder gar gan verbannt worden ist ? Wie soll das Vakkuum gefüllt werden ? Hat der SPIEGEL ggf. auch mal kritische Anmerkungen zu den wirklich gefährlichen
    Religionen zu machen oder scheißen sich da die Spiegel-Redakteure (aus Angst vor Hausbesuchen) in die Hosen ? Wird solch eine Diskussion gelegentlich intern geführt ?

  2. Dirk Dotzert meint:

    Fünf Jahre Benedikt XVI. – ein historischer Vertrauensverlust
    von Hans Küng, emeritierter Professor für Ökumenische Theologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.
    http://www.nzz.ch/nachrichten/international/fuenf_jahre_benedikt_xvi__ein_historischer_vertrauensverlust_1.5448429.html
    15. April 2010, Neue Zürcher Zeitung

  3. hans meint:

    Sehr geehrter Hr. M.M., Sie schreiben: ‘Ich hätte mich sicher TV-geschmeidiger verkaufen können, aber dann hätte ich verraten, wovon ich im Innersten überzeugt bin.’

    … dazu möcht ich fragen – wieso verkaufen? und wovon sind Sie ‘im Innersten’ überzeugt?

    Gruß hans

  4. earli meint:

    Klare Worte aus dem Vatikan? Davon kann wirklich nicht die Rede sein. Lesen sie mal folgendes und kommentieren sie es:

    > http://skydaddy.wordpress.com/2010/03/22/hirtenbrief-deutliche-worte/

    Sie sollten vorsichtiger mit der Aussage sein, dass sie Katholik wären. Sie sind nämlich keiner. Katholik war der in der Sendung anwesende Bischof, und er hat bestätigt, warum diese katholische Kirche in einer freiheitlichen Gesellschaft keinen Platz hat.

  5. Georg Misdroy meint:

    earli ist gut. ER entscheidet, wer Katholik ist und wer nicht. Das zeigt die Toleranz der Linken. Wer nicht so böse ist, wie man sich einen Katholiken vorstellt, der darf kein Katholik sein, sonst verschwimmt das Feindbild. Dirk Dotzert ist auch nicht schlecht. Er postet den selben Link gleich unter zwei Blog-Einträge von Ihnen und zeigt damit seinem Willen zum Dialog.

    Herr Matussek, wenn Sie in den nächsten Tagen aufstehen, schauen Sie morgens in den Spiegel (den an der Wand) und sind Sie sehr zufrieden mit sich. Die meisten Katholiken, die ich kenne, arbeiten den ganzen Tag und kümmern sich in ihrer Freizeit um ihre Familien. Sie können nicht ständig an Internet-Foren teilnehmen, in denen die Kirchenfeinde überwiegen und jede abweichende Meinung höhnisch abgestraft wird. Für uns ist es sehr wichtig, dass es eloquente katholische Publizisten wie Sie gibt.

    Ich lebe in England und kann Sie heute Abend nicht sehen, aber sicherlich werden Sie wieder so überzeugen, dass Kommentatoren wünschen, Sie seien kein Katholik.

    Und Sie haben Ihre Erfahrungen in einer Kirche in London vermerkt. Ich bin in England zum Katholizismus konvertiert, weil mich die Katholiken, die ja hier eine jahrhundertelang verfolgte Minderheit waren, so beeindruckt haben, vor allem die Priester. Die kleinere Kirche in Deutschland kann daher durchaus ein Vorteil sein. Insofern ist auch Ihr Wort von der Krise als Neuanfang berechtigt.

  6. earli meint:

    Georg, ich bin selbst Mitglied der kath. Kirche.

    Aber um Mitglieder wie uns geht es bei der Diskussion nicht. Es geht um die Lehre der Kirche, und die sagt verbindlich, dass der Papst Recht hat, wenn er Homosexualität als “das Böse” bezeichnet. Und das kann auch kein späterer Papst mehr Rückgängig machen.

    Das ist offizielle Lehre der Kirche (KKK), und das ist vollkommen kompromisslos. Wer einfach nur den Hokuspokus schön findet, ist kein Katholik nach der Definition der katholischen Bischöfe.

    Und dann noch etwas:
    “Und dann wird die Sicht wieder frei werden auf das, was Kirche eigentlich ausmacht: Das schönste Angebot, das sich denken läßt. Glauben, Solidarität, Trost, Hilfe, Lebenszuversicht. Und einen Einspruch gegen eine Gesellschaft, die durchsetzt ist von Habgier, Egoismus, Neid, billiger Befriedigung, und immer weiter auseinanderfällt.”

    Das geht vollkommen am Thema vorbei, Herr Matussek! Menschen suchen bei der Religion die Wahrheit und nicht das schönste Angebot. Selbst wenn die katholische Weltanschauung wirklich das Schönste auf der Welt wäre: Das ist egal, denn deshalb ist sie noch lange nicht “die Wahrheit”.

  7. Steffen meint:

    Hallo early,

    Du vergisst die Gewissensfreiheit.

  8. Steffen meint:

    außerdem sollten sie nicht nur den KKK, sondern auch den KEK zu Rate ziehen:
    http://www.alt.dbk.de/katechismus/index.php

  9. earli meint:

    Steffen, es gibt keine Gewissensfreiheit in der katholischen Kirche, schon Gedanken können sündig sein.

  10. Georg Misdroy meint:

    earli, ich kann Ihr Augenmerk auf die Bischöfe nicht verstehen. Wen interessieren denn Bischöfe? Ich habe nur einmal einen Bischof getroffen, ein Handschlag, das war’s. Das Wichtige sind mir die Christen in meiner Kirche und die Pfarrer vor Ort. Das sind meine Leute und das sind so die besten Leute, die ich kenne. Und da mag es Lehrmeinungen in der Kirche geben, die die Homosexualität als sündhaft ansehen. Heißt das aber, dass Homosexuelle in der Kirche auch tatsächlich schlecht behandelt werden? Im Umgang, im Gespräch? In unserer englischen Gemeinde (eher irisch-konservativ) ist das nicht der Fall.

    Ich habe auch noch keinen Bischof gehört, der leichtfertig Mitglieder der Kirche als “keine richtigen Katholiken” ansieht, wenn diese nicht jeder Lehrmeinung folgen. Meine Erfahrung ist, dass man über jeden froh ist, der dabei ist. Die Repräsentanten der Kirche sind wesentlich toleranter als das die Medien gerne hätten.

    Und folgende Testfrage: Wenn man die Möglichkeit hätte, mit dem Papst und Claudia Roth je ein Gespräch zu führen, mit dem Papst über Homosexualität und mit Claudia Roth über den Papst und es wäre die Aufgabe, gegenüber den Papst die Homosexualität und gegenüber Claudia Roth den Papst zu verteidigen: Wer würde einen unerbitterlicher zur Minna machen?

  11. Steffen meint:

    Hallo earli,

    dochdoch, natürlich gibt es die Gewissensfreiheit. Der Mensch steht, so wie er ist, mit all seinem Tun und Denken und all seinen Gefühlen vor Gott. Vor ihm muss er vor allem aufrichtig stehen.
    Durch die Treue zum Gewissen sind die Christen mit den übrigen Menschen verbunden im Suchen nach der Wahrheit und zur wahrheitsgemäßen Lösung all der vielen moralischen Probleme, die im Leben der Einzelnen wie im gesellschaftlichen Zusammenleben entstehen.
    Die Kirche hat nicht Antworten auf alle Fragen, die in der geschichtlichen Situation auftreten. Deshalb muß es ein gemeinsames Suchen nach Wahrheit und nach humanen Lösungen geben. Christen sind nicht immer die ersten, die in bestimmten Zeitsituationen wahrnehmen, was zu tun oder zu lassen ist. Treue zum Gewissen im Suchen nach der Wahrheit gibt es überall. Gottes Geist ist in vielen Menschen auf vielfache Weise wirksam. Seine Impulse aufzunehmen bleibt Aufgabe der Kirche.

    Es entspricht der Würde jedes einzelnen Gewissens, daß der Mensch in einem beständigen Wachstumsprozeß nach dem sucht, was der sinnvollen Gestaltung der Wirklichkeit dient. Das “rechte” Gewissen, das heißt das aus der Grundausrichtung auf das Gute geleitete Gewissen, sucht sich bei der Bemühung um humane Lösungen nach der sittlich verbindlichen Wahrheit zu richten.
    “Es ist die Verpflichtung, das zu tun, was der Mensch durch einen Gewissensakt als ein Gutes erkennt, das ihm hier und jetzt aufgegeben ist” (aus veritatis splendor, 16)

  12. earli meint:

    Die Bischöfe sind keine Repräsentanten nach katholischem Glauben. Hast du überhaupt eine Ahnung, was der katholische Glaube ist?

    Das was du da redest, ist alles protestantisches Gedankengut. Per definition. Nach katholischer Auffassung sind Priester keine Helfer auf dem Weg zu Gott, sondern weit mehr. Ein Priester sorgt in jeder Messe dafür, dass Jesus real präsent ist in Fleisch und Blut. Ein Bischof ist der einzige, der einen Priester weihen kann. Außerdem sind Bischöfe zum Exorzismus berechtigt, etc.
    Wenn du das alles nicht glaubst, sondern nur an die Auferstehung und überhaupt nur biblische Aussagen, dann bist du Protestant. Das ist genau das, was Protestantismus definiert.

    Außerdem redest du gegen einen Strohmann, denn Herr Matussek hat direkt auch den Vatikan und seine Handlungen verteidigt.

    Vor wenigen Jahren noch hat der Vatikan Thomas More heilig gesprochen und zum Patron der Politiker gemacht. Weißt du, wofür man ihn in England kennt? Er hat Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen, die es wagten, eine Bibel in englischer Sprache zu /besitzen/.

    Die katholische Kirche hat überhaupt gar kein Interesse daran, dass der Gläubige selbst die Bibel studiert und interpretiert. Es gibt eine katholische Lehre, die aus der Bibel abgeleitet wurde, aber kompromisslos und streng definiert ist. Und sie enthält auch den Lehrsatz, dass es außerhalb von ihr kein Heil gibt.

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    14. This Sacred Council wishes to turn its attention firstly to the Catholic faithful. Basing itself upon Sacred Scripture and Tradition, it teaches that the Church, now sojourning on earth as an exile, is necessary for salvation. Christ, present to us in His Body, which is the Church, is the one Mediator and the unique way of salvation. In explicit terms He Himself affirmed the necessity of faith and baptism(124) and thereby affirmed also the necessity of the Church, for through baptism as through a door men enter the Church. Whosoever, therefore, knowing that the Catholic Church was made necessary by Christ, would refuse to enter or to remain in it, could not be saved.
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    http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19641121_lumen-gentium_en.html

  13. Georg Misdroy meint:

    Und wenn auch vierzig Jahre als Protestant bei mir eine Spur hinterlassen hätten, ich bleibe katholisch. Es hilft nichts, wenn Sie sagen, ich wäre es nicht, die Pfarrer hier vor Ort haben mich aufgenommen und sind, so hoffe ich, froh, dass ich da bin.

    Was die Bibel angeht, ich bestreite, dass die katholische Kirche “kein Interesse” daran habe, dass jemand die Bibel selbst liest. Es werden doch in jeder Messe drei Stücke daraus vorgelesen. Weiter gibt es auch katholische Bibelübersetzungen, die sicher von der katholischen Kirche subventioniert sind. Ich habe gerade für eine schön gebundene Ausgabe der Einheitsübersetzung EUR 12,- bezahlt, das muss subventioniert sein. Ich finde auch, dass ein bisschen Anleitung zum Bibellesen hilft und sehe gerade darin einen Vorteil gegenüber dem Protestantismus. Im Alten Testament stehen Sachen, da will man überhaupt nichts mit dem Christentum zu tun haben. Der Protestantismus lässt einen damit allein.

  14. hans meint:

    @hans, April 16th, 2010 11:38

    … er hat nix mehr zu verkaufen. Überzeugung kommt aus der inneren Überzeugung, nicht von außen, nicht durch Technik.

    Äh, äh, äh, äh.!?!?!…..also: keine[sic!] innere Überzeugung mehr.

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