Erschienen auf SPIEGEL-Online am 17. April 2010
Die ARD feiert ihren 60. Geburtstag. In der legendären Talkrunde “3nach9″, der dienstältesten des Senders, sollte über das Jubiläum gesprochen und daran erinnert werden. Doch einer versagte: Ich. Die Beichte eines Betroffenen.
Es ist wie mit dem sprichwörtlichen Treppenwitz Diderots. Der Treppenwitz ist jener geistreiche Gedanke, jenes schlagende Argument, jene anschauliche Anekdote, die einem immer einen Moment zu spät einfällt, nämlich auf dem Weg zur Treppe hinaus. Gott sei Dank gibt es SPIEGEL ONLINE, wo man sie nachreichen kann.
Ich war von “3nach9″ wohl eingeladen worden als Augenzeuge der ersten Stunde. Ich war neben Regisseur Volker Schlöndorff und Kultstar Uli Lommel aus Hollywood der älteste in der Runde. Gleichzeitig sollte ich wohl als Brücke zur Internet-Generation dienen, wegen meines Blogs hier auf dieser Seite.
Weshalb mir die reizende Co-Moderatorin Maria Furtwängler vor der Sendung einschärfte, auch artig mit meiner Blog-Kamera herum zu fuchteln, das nur nebenbei, Giovanni di LKrenzo. Ich musste es tun. Es war die Furtwängler! Würden Sie dieser Frau einen Wunsch abschlagen? Na, also!
Wir sollten uns schwärmend erinnern aus der Frühzeit. Mir fiel außer Kulenkampff nichts ein. Absolute Blockade.
Dabei hätte ich eine Novelle schreiben können über das Fernsehen meiner Kindheit, es ist eine education sentimentale, und sie beginnt mit strenger Dosierung. Unser Fernsehgerät konnte abgeschlossen werden. Flügeltüren, Schlüssel. Fernsehen war meinen Eltern verdächtig, kontaminierend zu sein.
Kinder hatten entweder draußen Fußball zu spielen oder zu lesen. Oder sich eben zu langweilen. Oder sich die Köpfe einzuschlagen. An Fernsehen war da lange nicht zu denken.
Es gab die “Tagesschau”. Dann die ganz besonderen Anlässe, Kulenkampff war das Hochamt. Die “Sportschau” mit Ernst Huberty, diesem unwahrscheinlich sauberen Scheitel, der plötzlich verschwand wegen irgendeiner Spesensache. Dann die “Unverbesserlichen” mit Inge Meysel und besonders Helga Anders, in die ich verliebt war, aber sie nahm mich nicht wahr, weil sie sechs Jahre älter war.
Als 1965 der “Beatclub” auf Sendung ging – auf dem Weg ins Studio wurde ich durch ein altes Plakat nachdrücklich daran erinnert -, gab ich die Hoffnung auf Helga Anders auf und verliebte mich in Uschi Nerke. Doch auch diese Affäre blieb unausgelebt.
Es gab weitere emotionale Höhepunkte: das WM-Vorrundenspiel gegen die Schweiz 1966 auf dem kleinen Schwarz-Weiß-Fernseher im Internat, 5:0, die Hälfte der Tore verpasst wegen aufspringender Jugendlicher, die Tragödie des Finales dann zu Hause erlebt, stilles Weinen auf dem Balkon.
Der Hexer in Farbe?
Natürlich war alles Schwarz-Weiß. Das war doch der Witz. Die Wallace-Filme kann sich doch keiner anders vorstellen. Der Hexer in Farbe? Vergiss es.
Dann der nervenzerrende Quantensprung der TV-Unterhaltung: Wolfang Menges Doku-Thriller “Millionenspiel” von 1970, in dem eine Bande von Killern auf einen Mann angesetzt wird, auf den grandios gehetzten Jörg Plewa, der um sein Leben rennt. Ein Vorläufer der amerikanischen Kultserie “24″. Echtzeit-Spannung. Avantgarde.
Mann, konnte unser Fernsehen viel! Ich hätte Menge und seinen Geniestreich erwähnen müssen – er wurde in der Nacht nach unserer Talkshow noch einmal gesendet.
Auch später Grandioses: Loriot, ein absolutes Muss. Helmut Dietls Serie “Kir Royal”, die sich in der Dialogführung (Drehbuch Patrick Süßkind) und der technischen Perfektion und künstlerischen Vision jederzeit mit amerikanischen TV-Serien wie “Mad Men” messen konnte.
Warum schaffen wir das heute nicht mehr? Hätte ich mal so in die Runde fragen können. Aber dann hätte ich noch mehr Menschen beleidigt als nötig, und im Übrigen wäre es unfair, weil ich den Überblick verloren habe. Denn ich schaue kaum noch fern. Anders gesagt: Das bisschen Fernsehen, was ich noch gucke, mache ich mir selber. Mit meinen Videoblogs. Wie dem auf dieser Seite, in dem ich die ewigen Rätsel der Neuzeit löse.
Zur Illustration hatte die “3nach9″-Redaktion einen Zusammenschnitt aus mehreren meiner Blogs hergestellt, die im Kern aus dem mittlerweile legendären Beckmann-Blog bestand, der über 300.000-mal geklickt wurde .
Und hier ist mir ein weiterer Fehler unterlaufen: Jens Radü ist nicht nur Cutter, sondern auch Regisseur und Kameramann und Produzent der Blogs, es gibt in der ganzen Video-Blogger-Szene kein Team, das so gut und effektiv aufeinander eingespielt ist, weshalb der Goldene Prometheus, den wir vor zwei Jahren bekommen haben, völlig in Ordnung geht.
Die wirklich interessante Diskussion wurde nicht geführt: die Ergänzung von Print durch das Bewegtbild und gleichzeitig die Ausdehnung des Fernsehens ins digitale Netz, in die Blogs.
Für die erste Variante, die Videoergänzung des Printmediums, hatte ich ein Beispiel gegeben, und ich glaube, dass diese Variante insbesondere durch das iPad und seine großflächigen Abspielmöglichkeiten immer attraktiver werden wird: Ich hatte aus Mumbai über den australischen Ex-Häftling und Romancier Gregory Roberts im SPIEGEL berichtet. Gleichzeitig hatte ich einen Video-Blog über ihn gedreht, über seine Stadt, das Viertel Colabar, das Café “Leopold”, das ein paar Wochen später von Terroristen gestürmt wurde, schließlich eine Fahrt auf seiner Harley-Davidson durch Mumbai bis zum Hotel Taj Mahal.
Ich glaube, dass es in Zukunft Verschwendung sein wird, Reporter ohne Fotoapparat mit Videofunktion loszuschicken – ein besseres und attraktiveres Zusatzangebot zu gedruckten Reportagen, die man auf dem iPad liest, kann es gar nicht geben.
Gleichzeitig erleben wir, wie sich die optischen Medien zusätzliche Schauplätze im Netz schaffen, um Informationen zu vertiefen, Foren einzurichten, Kommunikation – eben: Vernetzung – herzustellen.
Feiern und sich auf die Schulter klopfen
Dann aber hatte ich doch den Eindruck, dass derartige Reflexionen eines Pioniers nicht durchgedrungen wären – der überaus sympathische Giovanni wollte partout nicht einsehen, dass es womöglich spannend für die Zuschauer gewesen wäre, die Sendung aus einer ganz anderen, spontanen, verrückten Perspektive mitzuerleben: nämlich durch die meiner Blog-Kamera.
Die ARD feiert ihren Sechzigsten. In langen Nächten zeigt sie die Schätze, die sie angehäuft hat im Laufe der Jahrzehnte. Sie hat mich wie viele andere geprägt. Doch vieles kommt mir im Rückblick wagemutiger vor als das, was wir heute erleben.
Warum haben wir keine Serien wie “The Wire” auf HBO, oder “Desperate Housewives” oder die “Sopranos”? Warum keine intelligenten politischen Stand-up-Comediens wie Jon Stewart mit seiner “Daily Show” auf Comedy Central? Warum keine Reportagen wie diejenige jüngst auf Channel 4, in der ein pakistanischer Journalist mit einem Kamerateam auf der Seite der Taliban “embedded” wurde und die unwahrscheinlichsten Bilder einfing.
Warum keine “Newsnight” auf BBC 2 mit einem unbestechlich-brutalen Anchorman wie Jeremy Paxman, der es fertig gebracht hat – ich war Zeuge – Tony Blair 13-mal (!) die gleiche Frage zu stellen, weil der – es ging um die Frage der in Großbritannien illegal lebenden Immigranten – immer wieder auswich? Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass Nachrichtenleute wie Buhrow zu brav sind?
Die ARD wird feiern und sich auf die Schulter klopfen. Sie versucht zaghaft Neuansätze in mutigen Sendern wie WDR oder SWR, die das schon immer waren und einst Samuel Beckett und Martin Walser und Hans Magnus Enzensberger, Günter Rohrbach und Wolfgang Menge beschäftigten.
Kann es sein, dass die ARD insgesamt noch eine ganze Weile ideenlos weiterwurschteln wird und nicht merkt, dass Sandra Maischberger und viele andere nur deshalb noch weitersenden, weil man sich an sie gewöhnt hat und vergessen hat, die Glotze auszustellen – nur weil es so beruhigend ist, jemanden reden zu hören?
Wäre schade.
So in etwa, Giovanni. Nächstes Mal arbeite ich das vorher aus und lese vom Blatt ab! Bei den Beschimpfungen improvisiere ich dann.


Sehr geehrter Herr Matussek,
ich bin dankbar für einen der letzten intelligenten Köpfe im deutschen Fernsehen! Gerade Ihr aufrechtes Einstehen für Ihren, unseren Glauben, ist etwas besonderes. In Zeiten in denen Schwachköpfe nur nachäffen was Ihren andere weichgespülte Schwachköpfe vorkauen, sind Ihre Aussagen geradezu eine wohltuende Massage für meinen Geist, der immerwieder von “Journalisten” wie Kerner, Will, Beckmann etc. beilidigt wird.
Hallo Herr Matussek,
sie müssen nur aufpassen, die letzten, die sich so sehr für den Glauben stark gemacht haben, hat man irgendwie abgesägt. Passen Sie auf, dass man es Ihnen nicht genauso macht!
Du bist ein Fan des iPad, ich auch. Aber die Selbstzensur deutscher Verlage ist schon lustig: BILD überklebt sogar die Damen in der Aldi-Werbung! Screenshot: http://tinyurl.com/38bwtdo