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Erschienen in DER SPIEGEL 43 / 2009


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Die deutsche Debattenkultur kann lernen von der französischen, wo Bernard-Henri Lévy und Michel Houellebecq die Lust am Disput glänzend vorführen.

Woher kommt es nur, dass bei uns ständig die Minenhunde von der Leine gelassen werden, wenn es spannend wird? Dass die Staatsanwaltschaft bemüht wird, wenn eine Debatte mit satirischen oder leichtsinnigen Übertreibungen gewürzt wird? In der Sorge um die Konsensdemokratie werden – und das ist die Pointe im Fall Sarrazin – durchaus totalitäre Reflexe wachgerufen.

Deutsche Debattenkultur kennt offenbar nur zwei Spielarten: die Tortenschlacht oder die Disziplinarmaßnahme. Andere Länder haben es besser. Als Prince Charles die modernen Kreationen Londoner Architekten als “Furunkel im Gesicht eines geliebten Freundes” bezeichnete, diskutierte man nicht über die Thronfolge, sondern über Architektur. In Frankreich werden spätestens seit dem Eintreten Zolas für Dreyfus intellektuelle Debatten als öffentliche und leidenschaftliche Florettfechtereien zelebriert.

Bei uns jedoch sind sie furchtsame Veranstaltungen, umstellt von einem Schilderwald an Tabus. Und das gilt nicht nur bei Thilo Sarrazin, der sich in einer Kulturzeitschrift (!) zu Problemen der Hauptstadt geäußert hatte, sondern auch für andere Feuilleton-Debatten.

Man war schon erstaunt über die kalte Wut, mit der zum Beispiel Axel Honneth, Chef des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, vor einiger Zeit den Philosophen Peter Sloterdijk von den Beinen zu holen versuchte. Sloterdijk hatte in der “Frankfurter Allgemeinen” ein neues Abgabesystem vorgeschlagen.

Honneth grätschte, nach einigen Monaten des Überlegens, auf einer Doppelseite der “Zeit” wuchtig dazwischen. Er holte aus zu einer Generalabrechnung mit Sloterdijks Gesamtwerk. Er warf ihm “fatalen Tiefsinn” vor, Sloterdijk sei nur ein Zeitgeistphänomen, getragen von einem sozialen Milieu, das zwar den kapitalistischen Wohlfahrtsstaat verachte, aber “keine eigene politisch tragfähige Idee” besitze.

Am Ende erschien Sloterdijk als dumpfer Wiedergänger Gehlens und Noltes. Die Minensuchhunde waren fündig geworden und hatten in den Tiefen des sloterdijkschen Gesamtwerks von rund 6000 bis 8000 Seiten zweifelhafte Denkfiguren entdeckt, wozu ein Nietzsche-Zitat völlig ausreicht. Damit war für Honneth das kommunikative Handeln beendet.

Im Angriff auf den Karlsruher Philosophen schwang interessanterweise ein Ressentiment mit, das einst gegen die kritischen Theoretiker selbst gerichtet war. Sie seien, so der Marxist Georg Lukács, doch nur Bewohner des “Grand Hotel Abgrund” und würden ihren Geschichtspessimismus luxuriös genießen. Sloterdijk rief noch ein “Ach, Professor” hinterher, aber das war es dann. Türenknallen.

Wie spannend wäre es gewesen, wenn der Akademiker Honneth und der philosophierende Freibeuter Sloterdijk in ein Gespräch gekommen wären: über die Kritische Theorie, über Marx oder Nietzsche, über Engagement oder Abstinenz und darüber, wie hineinzurufen wäre in eine vergnügungsversessene und gleichzeitig depressive Gesellschaft, die immer weiter auseinanderfällt.

Da kommt dieses Buch aus Frankreich zur rechten Zeit. Zwei Intellektuelle haben sich in einem Briefwechsel gefunden, um über all das nachzudenken: ihre öffentliche Rolle, den Heroismus in der Politik und die Ausgegrenzten, dazu über Spinoza und Nietzsche und Lévinas, aber auch über biografische Grundierungen.

Ein Debattenbuch, das nicht politischer und nicht persönlicher sein könnte*. Der eine, Michel Houellebecq, 53, Verfasser der “Elementarteilchen” und anderer Romane, zudem Lyriker und Musiker, wird

als Frauenfeind, Nihilist, Rassist, Nietzscheaner gehandelt. Er hält selbst die Bezeichnung “rechter Anarchist” für zu ehrenvoll und sieht sich als “Spießer”.

Der andere, der philosophierende Leitartikler Bernard-Henri Lévy, 60, bei allen als BHL bekannt wie ein eingeführter Markenname, ist ein unter Salonverdacht stehender Linker und jüdischer Weltbürger.

Sie sind grundverschieden also, doch sie suchen den Dialog. Sie suchen ihn als Intellektuelle, von denen jeder auf seine Weise als Volksfeind beschimpft wird. Houellebecq bringt es gleich zu Beginn auf den Punkt: “Es handelt sich bei uns beiden um ziemlich verachtenswerte Individuen.” Das ist zunächst das Einzige, was sie verbindet.

Nun entspinnt sich jedoch ein spannungsgeladener Dialog, oft ein Duell, dann wieder ein Duett von tänzerischer Leichtigkeit. Zunächst ist es ein Bekenntnis zur Bewegung der Gedanken.

Die entscheidende Frage für Lévy, der damit Foucault paraphrasiert, ist: “Schreibt man, um sich einzumauern oder um sich freizumachen?” Als Engagierter schreibe er nicht, um zu erfahren, wer er sei, sondern um zu erfahren, wer er sein wird. Nur dort, wo die Geländer wegbrechen, wird es spannend für den Intellektuellen.

Nicht zuletzt deshalb stürze er sich quer durch die Milieus und an die Krisenpunkte der Erde für seine Reportagen aus Darfur oder Bosnien. Um wachzurütteln. Und auch, weil er das Abenteuer liebe.

Houellebecq, der sich zur Zeit des Briefwechsels in Irland vergräbt, ist weit skeptischer. Seine Grundstimmung ist die Lustlosigkeit. Er sieht im Westen Gesellschaften, die ihr Endstadium erreicht haben: “Sie haben schlichtweg nicht den Mut, ihrer eigenen Realität ins Gesicht zu sehen.”

Als er nach einem Russland-Besuch zurückkehrt, hat er das Gefühl, in ein “Totenreich” zu kommen. Natürlich sei das Leben in Russland hart, sogar brutal, aber trotzdem “leben die Menschen, sie sind von einer Lebenslust erfüllt, die uns verlorengegangen ist”. Er selbst hatte plötzlich “nicht übel Lust, jung, russisch und ökologisch unverantwortlich zu sein”.

Wie politisch unkorrekt ist das denn wohl? Verherrlichung eines autokratischen Systems in Tateinheit mit dem Wunsch nach Umweltverschmutzung? Das müsste doch für einen Anfangsverdacht mit anschließender Verdammung reichen!

Houellebecq fährt fort, tief schwarz: Er sehe keine Kämpfe mehr, die sich lohnen würden, vor ihm nur noch eine Richtung: abwärts. Ob man diesen Weg nicht abkürzen solle? Unter solchen Salven der Engagementverachtung und des Lebensekels erwacht der ältere BHL überraschenderweise zum moralischen Aufrüster. Er identifiziert Houellebecqs Haltung als epikureisch, und er weigert sich, die “entsetzliche Leere”, die ihn dort anweht, einfach hinzunehmen.

Die beiden werden immer grundsätzlicher und irgendwann bringt BHL, der jüdische Aufklärer, die Bibel ins Spiel, “die große Alternative”. Es gebe doch dieses Mysterium in jedem Leben, den Funken, und sei es nur den einer gelungenen Kommunikation. Und dann schreibt er über seine Rolle als Jude, über seine Herkunft, über seinen Vater und spürbar wird, was den öffentlichen Lévy antreibt: die Gräuel der Nazis unwiederholbar zu machen.

Es ist ein Buch, dem der Leser mit wechselnden Loyalitäten folgt, mal pflichtet er dem Jüngeren bei, mal dem Älteren, und mal wünscht man sich, dass etwa der leidenschaftliche Maxim Biller und der abgebrühtere Henryk Broder ein solches Unternehmen riskieren würden und tatsächlich ins Gespräch kämen: über den Islamismus, über Deutschland und darüber, was es heißt, heute und hier Jude zu sein.

Houellebecq trennen Welten von BHLs großbürgerlichem Kosmos. Er bezeichnet sich als absolut unheroisch. Er würde nie schießen. “Was ist ein Krieg, eine Revolution anderes als ein von reiner Bosheit geleiteter Zeitvertreib?”

Lévy mahnt Ausnahmen an. Man dürfe das Böse nicht ohne Gegenwehr hinnehmen. Und noch grundsätzlicher: “Man kann reiner Schriftsteller sein, lieber Michel, und sich trotzdem zu einem Stelldichein mit der Geschichte verpflichtet fühlen – nehmen Sie zum Beispiel Rimbaud und die Pariser Kommune.”

Natürlich ist die Frage nach dem Engagement fundamental, in der Kunst ebenso wie in der Philosophie, sie schwingt auch in der Auseinandersetzung zwischen Honneth und Sloterdijk mit – die Chat- und Blog-Milieus sind kaum in der Lage, sie repräsentativ vorzutragen.

Es gab diese Zeiten auch bei uns – in den sechziger Jahren. Etwa als Theodor W. Adorno und Arnold Gehlen ihre Differenzen vor TV-Kameras austrugen. Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson wiederum haben ihren Briefwechsel, soeben veröffentlicht bei Suhrkamp, “fuer Zwecke der brutalen Verstaendigung” betrieben.

Freimütig betreiben auch BHL und Houellebecq ihre antipodische “Bekenntnisliteratur”, auf höchstem Niveau, voller persönlicher Offenbarungen, aber auch literarischer und philosophischer Stützargumente; ja die gesamte Geistesgeschichte – Victor Hugo, die Tora, Kant, Sartre – schaut ihnen über die Schulter.

Houellebecq kommt es zunehmend vor, “als würde ich in tiefster Finsternis einen Tunnel vorantreiben und hörte Sie, nur wenige Meter entfernt, neben mir arbeiten”. Beide verändern sich in diesem gemeinsamen Projekt. Für BHL ist der Briefwechsel “Fernschach”, für Houellebecq eine “der wenigen Freuden, die mir geblieben sind”. Doch plötzlich wird diese Gemeinsamkeit von einer dröhnenden Explosion von außen zerfetzt. Houellebecqs Mutter, die nach seiner Geburt verschwand, um sich “zu verwirklichen”, hat sich in einem “Enthüllungsbuch” wüst über ihren “perversen” Sohn geäußert, und die Pariser Presse hat sich wie ausgehungert darüber hergemacht.

Houellebecq schreibt am 8. Mai 2008: “Über Comte und Althusser zu reden hätte für mich heute in der Tat etwas Lächerliches …” Er berichtet, wie sich nach den öffentlichen Angriffen auf seinen Armen und Beinen rote Eiterbläschen bildeten.

Mit der quasi privaten Skandal-Intervention wird deutlich, wie störanfällig kommunikatives Handeln sein kann in der Mediengesellschaft. Nun schließen sich die beiden “Volksfeinde” tatsächlich zusammen und spekulieren über die Motive der verfolgenden Meute. “Sie hat Angst”, vermutet BHL. Doch das hilft Houellebecq nicht weiter. Das deprimierende Fazit: Es gibt kein Mittel gegen sie. Vermeintlich.

Mit ihrem klugen und bisweilen traurigen Briefwechsel haben die beiden bewiesen, dass man in tabuloser Offenheit und gleichzeitig respektvoll miteinander umgehen kann. Und sich damit in einer Region aufhalten, die für die Meute letztlich unerreichbar bleibt.

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