Der neue Matussek ist da!

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Erschienen in SPIEGEL Ausgabe 14 / 2005

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Mit wachsendem Unmut sehen die Briten der Hochzeit von Prinz Charles entgegen, die aus Camilla Parker Bowles die zukünftige Königin machen wird. Das betagte Paar wird seinen Schatten nicht los – Lady Di.

Was ist das nun? Krönung einer Liebe oder Höllenfahrt? Selbst die Beteiligten wissen das nicht mehr so genau. Der ergraute Prinzgemahl trifft sich zum Polterabend im Skiurlaub mit seinen Söhnen und beleidigt die Presse (“Verdammte Bande”), und die beleidigt zurück “Ihre Königliche Gereiztheit” (“Daily Mail”).

An diesem Freitag wollen Prinz Charles und Camilla Parker Bowles die Ringe tauschen. Wenige Tage zuvor sind sich die Rechtsexperten auf der Insel immer noch nicht einig darüber, ob das alles legal ist. Sie beugen sich über das Arrangement wie über ein struppiges Insekt, das es zu klassifizieren gilt, und zwar lustlos.

Eine bürgerliche Hochzeit für den Thronfolger? Ist das gültig? Warum ging das früher nicht, und warum geht es jetzt? Warum segnet die Kirche die Liaison der Ehebrecher? Fest steht nur, dass die Schwellen eindeutig niedriger gelegt sind für diesen Gang zum Standesamt.

Der verstörendste Aspekt ist für die Insulaner wohl der, dass diese Hochzeit nur mit dem Hinweis auf die europäische Menschenrechtskonvention möglich wurde. Daran ist zweierlei skandalös: Europa und die Menschenrechte.

Über Europa, diese rückständige Landmasse jenseits des Kanalnebels, muss gar nicht erst geredet werden. Aber: Menschen- rechte? Seit wann, fragt sich das Volk, haben die Royals Menschenrechte? Der ungeschriebene Pakt der Briten mit ihren Windsors sieht vor, dass die gerade keine Menschenrechte haben. Keine Religionsfreiheit, keine Meinungsfreiheit, und zur Wahl stellen dürfen sie sich auch nicht. Dafür kriegen sie Cornwall und jede Menge Juwelen und dürfen in Klosters Ski fahren.

Was sie nicht dürfen: in der Nase bohren, wenn eine Kamera in der Nähe ist, Hakenkreuzbinden tragen wie Prinz Harry, irgendeine Meinung äußern, die über die Corgy-Zucht hinausgeht. Was sie sagen sollen, wird ihnen aufgeschrieben.

Königin Elizabeth füllt dieses Staatstheater seit 53 Jahren mit bewunderungswerter Selbstverleugnung aus. Ja, die Monarchie hat sich unter ihrer Ägide als ein in anderen Ländern beneidetes Bollwerk an Tradition und Würde gezeigt, als glanzvollster Empire-Nachhall in Zeiten beschleunigter Vulgarisierungen und Auflösungen.

Ganz besonders hat die Queen die Politik von der Notwendigkeit der Repräsentation befreit. Wie schrecklich, so sehen es die Insulaner, ist doch das Beispiel Frankreich, in dem der ständig pompösere Staatspräsident die Rolle des Königs mitübernehmen muss, da man unvorsichtigerweise die Monarchie abgeschafft hatte.

Doch in den letzten 25 Jahren hat die Bastion der Windsors Risse bekommen. Genauer gesagt: seit jener betörenden Traumhochzeit im Jahr 1981, die einen nicht endenden Stephen-King-Alptraum nach sich zog.

Seither gab es jede Menge schrille Schreie, Entsetzen in düsteren Schlossmauern, perverse Geheimnisse, die aufplatzten wie Pestbeulen, ein wankendes Haus. Alles nur deshalb, weil ein junges, verwöhntes Mädchen einmal zu oft gedemütigt wurde von zwei älteren, eisigen Ehebrechern und nun über seinen Tod hinaus Rache an ihnen übt – Diana, die Rückkehr!

Wie in einem Fluch kehrt sich seither das Verschwiegenste der Windsors nach außen: nachgelassene Videogeständnisse der bulimischen Prinzessin, veröffentlichtes Unterhosengeflüster des Prinzen mit der Mätresse, Gerüchte über Vergewaltigungen, habgierige Butler, Geschäftemacher, Verräter allerorten.

Zunehmend, so denkt sich das Publikum, unterscheidet die Royals nichts mehr

von dem verknatterten Zirkusadel in Monaco. Neurotisch und würdelos sind wir selbst, denkt es sich. Warum dann noch 91 Bedienstete für Prinz Charles bezahlen, von denen einer eigens dafür angestellt ist, Zahnpasta auf seine Zahnbürste zu drücken?

In der besten aller Welten geben sich am Freitag im Rathaus zu Windsor unter einem Gemälde der eisernen Königin Elizabeth II. zwei ältere Herrschaften das Jawort, die sich seit 35 Jahren lieben, die sich in Wohltätigkeitskomitees engagieren, harmlosen Hobbys nachgehen.

Doch wir sind in Märchenland, und dieses ist ein böses Märchen. Hier geht es um die mögliche Thronbesteigung der Mätresse, die die Königin der Herzen einst ins Unglück stürzte. 70 Prozent des Volkes sind gegen eine eventuelle Königin Camilla. Und sie fühlen sich verschaukelt von Prinz Charles, der behauptet hatte, dass der Fall nicht eintreten werde.

Doch genau das wird passieren, wenn er den Thron besteigt – Camilla wird als Königliche Hoheit neben ihm sein. Nun wird es selbst im Commonwealth unruhig. Abgeordnete aus Australien und Neuseeland denken wieder laut über die Möglichkeit republikanischer Verfassungen nach. Ja, der kommende Freitag ist ein guter Tag für Republikaner.

Sie bekommen Zulauf von Royalisten und königlichen Biografen wie Michael Thornton, der der Königin seine Loyalität aufkündigt – wegen Camilla. Konservative Kolumnistinnen wie die scharfsinnige Minette Marrin in der “Times” nehmen Charles als “ungemein genusssüchtig und verwöhnt” ins Visier – und als Autisten, der jeden Bezug zur Wirklichkeit des Landes verloren habe.

Ja, es türmen sich Gewitterwolken über der Monarchie. Moderne Mythologien sind machtvoll, und die vergangenen Wochen waren wie verhext – der Prinz verstolperte alles, was noch an Sympathien vorhanden war.

Eigentlich sollte der Termin seiner Eheschließung mit der Dauergeliebten am Valentinstag bekannt gegeben werden, um ein wenig publikumswirksame Liebesröte in die Angelegenheit zu bringen, aber das Vorhaben sickerte schon vorher an den “Evening Standard” durch.

Völlig überrascht war man in Charles’ Planungsstab über die Tatsache, dass Schloss Windsor für die Trauung nicht in Frage kam. Dann gab es lange keine Tischordnung, jede Studentenfete wird sorgfältiger organisiert. Charles bestellte immerhin schon mal den leckeren Weihnachtskuchen bei der Rentnerin Etta Richardson, die er auf einer Reise kennen gelernt hatte. Ganze 3,99 Pfund pro Stück, ein Schnäppchen.

Das Ganze wirkt wie die schäbige Travestie auf eine große Hochzeit. Die Königin ließ verlauten, sie sei “entsetzlich gelangweilt”, was im Sprachgebrauch des Adels genau das Gegenteil bedeutet: Sie kocht vor Wut. Den Besuch beim Standesamt wird sie sich ersparen.

Vater Prinz Philip ließ erklären, er sei an jenem Tag in Deutschland, Termine, Termine, wolle aber auf jeden Fall teilnehmen, sofern das Wetter mitmache. Mit Protesten und Zwischenrufern auf dem Weg vom Rathaus zu Schloss Windsor ist zu rechnen.

Mit scheelem Blick und kaltem Lächeln wird an diesem Wochenende die spröde Frucht einer verbotenen Beziehung genossen, unter höhnischen Zurufen des Boulevards und einem anschwellenden Orkan des Missvergnügens und des aggressiv geäußerten Desinteresses.

“Ich geh auch nicht hin” heißt einer der Sprüche, die Souvenirverkäufer am Picadilly Circus verhökern.

Der “Daily Mirror” kommt schon mal mit einem eigenen Vorschlag für das neue Wappen der beiden: über der Krone ein toter Fuchs, im Kreuz darunter das Camilla-Tonband mit dem abgelauschten Skandalgeflüster, eine Schachtel Zigaretten für die ehemalige Kettenraucherin, ein Pott Blumen “zum Gedankenaustausch” für den Pflanzenplauderer Charles, und darunter der Spruch: “Tandem Legitime” – Endlich legal.

Höhnischer kann die Rache der ewigen Prinzessin der Herzen nicht ausfallen: Es kann keine nach mir geben!

Das beginnt schon mit dem Titel, dem der Princess of Wales, von dem beteuert wurde, dass Camilla ihn nie tragen werde. Doch er hängt ihr automatisch an, wie ein Fluch.

Wahrscheinlich wird sich Charles, völlig ratlos, fragen, wie es dazu nur kommen konnte. Es hatte doch alles seine Ordnung gehabt damals, als Camilla ihrem Geliebten den Gemüsegarten zur Verfügung stellte, in dem der Prinz um die Hand der 19 Jahre jungen Diana Spencer anhielt, die für Nachwuchs, Schönheit und Illustriertenfassade zuständig sein sollte.

Ob er seine ihn so offensichtlich anschmachtende Braut liebe, wurde Charles kurz vor der Hochzeit 1981 von Reportern gefragt. Er lächelte schief. “Was immer das heißt”, sagte er, peinlich berührt. Wie kommen die auf Liebe?

Das hier also ist die Geschichte der Mätresse, die unter Royals normalerweise die verborgene ist. Diejenige, über die man genau nicht redet. Diejenige, die, Hand aufs Herz, keiner hören will.

Sie beginnt mit dem durchaus witzigen Screwball-Comedy-Spruch Camillas beim Polospiel, als sie Prinz Charles kennen lernt: “Meine Urgroßmutter war die Geliebte Ihres Ururgroßvaters, also wie wär’s?” Der Zögerer und Zauderer Charles, der noch eine Menge anderer Kandidatinnen zu mustern hatte, war interessiert.

Es folgte eine Abkühlung der Beziehung. Er dampfte ab in Richtung Karibik, sie

heiratete, er hält Kontakt zu ihr, und plötzlich lodert die Leidenschaft erneut auf, wie es so vorkommen kann, wenn eine Liebelei nie richtig konsumiert wurde.

“What you bed, you don’t wed” hieß die traditionelle Regel königlicher Seitensprünge, die Charles von seinem Lieblingsonkel Lord Mountbatten oft genug zu hören bekam. Man geht fremd, man redet nicht drüber, und man heiratet seine Mätressen nicht.

Der Prinz also heiratete die andere, die Junge, die Schmachtende, während doch die Liebe zur Mätresse offensichtlich mittlerweile lichterloh entbrannte. Sie schenkten sich Manschettenknöpfe und Stelldicheins, während die junge Prinzessin mit standesgemäßer Eiseskälte behandelt wurde.

Mittlerweile ist bekannt, dass Lady Di wusste, worauf sie sich einließ. Und ebenfalls, dass sie sich zu vergnügen wusste. Tödlich verletzt war sie dennoch.

Jeder kennt den Fortgang der Geschichte: 1995 die Scheidung Camillas von ihrem Mann Andrew, den die Queen stets geschätzt hatte, die im Jahr darauf folgende Scheidung Dianas von Charles, der tragische Unfall 1997, das Schneewittchen im Sarg, Todespomp und Trauerverzückung, wie sie die Neuzeit selten erlebt hatte.

Seither bemühten sich PR-Berater um Camillas Hoffähigkeit. Sie hält sich im Hintergrund. Sie lernt, hübsche Frisuren zu tragen. Sie übernimmt die Leitung der Osteoporose-Gesellschaft. Sie fährt mit den Kindern in den Urlaub und macht alles richtig.

Jugendfreunde beteuern, dass sie klug und warmherzig sei und genau diejenige, die man sich zur Seite wünscht, wenn man im Dschungel abstürzt. Allerdings: Charles hatte nie Interesse daran, im Dschungel zu leben. Er will König werden, und er will Camilla an seiner Seite.

Und das ist das Problem. Und da er es zunehmend ignoriert, ohne Rücksicht auf Verluste, schwindet die Zustimmung auch für ihn. Und wenn die Zustimmung schwindet, ist die Monarchie in Gefahr. So sieht es, stellvertretend, der Labour-Abgeordnete Andrew Mackinlay: “Die Royals wussten von Anfang an, dass Camilla Königin werden würde, aber sie wollten den Leuten weismachen, dass das nicht der Fall ist. Nun ist die Wahrheit ans Licht gekommen.”

Das ist die Krise, die Charles der Monarchie eingebracht hat. Er hat sie verschuldet, indem er mit einer Tradition des Hauses gebrochen hat – er heiratet seine Mätresse.

Sie werden dieses böse Märchen einfach nicht mehr los auf der Insel. Das Volk sitzt nach wie vor an Schneewittchens Sarg. Und es verachtet die Rivalin und zunehmend auch den Prinzen, der die Falsche liebte.

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